Es ist ja nun wieder eine Zeit angebrochen, in der man mit fröhlicher Zuversicht in die Zukunft blicken kann. Überall ein Frühlingserwachen: wie die Aktienkurse kraftvoll austreiben und schwellen, wie die Hoffnungsblüte Internet sich löwenzahngleich auf unserer Lebenswiese ausbreitet, wie uns die Biogenetik mit ihren neuen Sämereien immer fantastischere Früchte verheißt. Die Kommentatoren dieses großen Aufbruchs hören das Eis der Erstarrung knacken und freuen sich, wenn die Schollen des Alten endlich den Bach hinuntergehen. Nur die Kunst will nicht so recht in das Frühlingszwitschern einstimmen. Am Basler Theater zum Beispiel läuft als Ankündigung einer neuen Musiktheaterpremiere ein Satz von Karl Valentin über die Leuchtschrifttafel neben dem Haupteingang: "Früher war auch die Zukunft besser."

So sprechen die verhassten Skeptiker des Neuen, die ewigen Nörgler, Pessimisten. Der Begabteste unter ihnen ist Christoph Marthaler. Er kommt nicht los von all den Dingen, die beim rasenden Fortschritt an jeder Biegung des Zeitgeistes aus der Kurve fliegen. Aus ihnen formt er seine großartige Bühnenkunst. Er kann einfach nicht anders, als sich immer wieder an den zurückgebliebenen Figuren des Daseins abzuarbeiten, an rätselhaften Gemütslagen, altmodischen Interieurs. Marthaler hat nämlich den Blues, den 20th Century Blues . So heißt sein neues Stück nach einem schönen, schiefen Song aus dem Musical Cavalcade des englischen Schriftstellers und Komponisten Noël Coward. Aber es ist nicht so, dass der Schweizer Theatermacher melancholisch dem Vergangenen nachhinge. Er will nicht auf der Bühne bewahren, was dem Leben abhanden gekommen ist. Seine Figuren halten nichts fest. Man sieht sie gleichsam im freien Fall. Sein 20th Century Blues handelt von der Entwurzelung des Menschen, von Hoffnungen, die keine mehr sind, vom Gefühl der großen Leere. Leer wie das Loch, das von einem der sekundenkurzen surrealen Minidramen übrig bleibt, die Marthaler auch in diesen Abend montiert hat: Ein Dirigent im Frack stürzt tatendurstig auf die Bühne, im morschen Parkett bricht er ein, versinkt fuchtelnd im Boden - und taucht nie wieder auf.

Dem Tenor werden Schädel und Mund zugeschnürt

Urplötzlich werden die Protagonisten, nach quälenden Phasen der Erstarrung, von solch manischem Bewegungsdrang übermannt. Deformationen, die offenbar die Last des Jahrhunderts hinterlassen hat. Wie psychosomatische Reaktionen wirken die Schüttelfröste der Akteure, ihre Ohnmachtsanfälle und Sprachfehler. Der Noël-Coward-Song geht ihnen dabei nie aus dem Kopf. Immer wieder stimmen sie ihn an. Aber eine Antwort auf die Frage der ersten Textzeile wissen sie nicht: "Why is it that civilized humanity can make this world so wrong?"

Marthaler hat noch einen anderen gefunden, der den 20th Century Blues kennt. Der freilich hat ihn schon zu Beginn des Jahrhunderts in Töne gesetzt - der Komponist Gustav Mahler. Ausschnitte aus seinem Lied von der Erde liefern die atmosphärische Grundierung des Abends. Aus dem splitternden Parkettboden bricht gleich zu Beginn der Tenor Christoph Nodino Homberger (aus den Katakomben des Unterbewusstseins?) hervor und trägt sein Trinklied vom Jammer der Erde vor, bis ihm Schädel und Mund gewaltsam mit Klebeband zugeschnürt werden. Die Mahler-Ausschnitte sind mit Orchesterliedern von Alban Berg, Strawinsky, Schostakowitsch und Messiaen zu einem bleiernen Rondo der Tristesse collagiert, das schließlich seánceartig in den halbstündigen Abschied aus dem Lied von der Erde ausläuft. Und es ist verblüffend, wie sehr der Ton des späten Mahler mit den Marthalerschen Stimmungslagen korrespondiert in den Zersetzungsprozessen der Form, in der kammermusikalischen Vereinzelung der Stimmen, in seinen unvermittelt hochfahrenden Expressivausbrüchen, in dem desolaten Einsamkeitsszenario, das Mahler in seinem Abschied in Musik gefasst hat. Jürg Henneberger am Dirigentenpult treibt die Auflösungserscheinungen mit gedehntem Tempo ins Extrem, Rosemary Hardy singt dazu ihre Gesangsphrasen wie in Zeitlupe aus. "Alle Sehnsucht will nun träumen, die müden Menschen gehen heimwärts, und im Schlaf vergess'nes Glück und Jugend neu zu lernen!"

Der Sog der Musik lässt die Protagonisten auf der Bühne mehr und mehr erstarren. Zusammengekauert drücken sie sich an die Wände. Nur die Sängerin, die den ganzen Abend irre Selbstgespräche mit ihrem Akkordeon geführt hat, zerlegt das Instrument stumm und sorgsam in seine Einzelteile. Mahler hat die Resignation in seinem großen Adagio-Abgesang in überirdische Schönheit umschlagen lassen. Marthaler stellt dem jedoch ein eisiges Schlussbild gegenüber. Hand in Hand betreten stumm sechs Zwillingspaare die Bühne. Einsame Menschenklone, zur Kommunikation nicht mehr fähig. Eine Replikanten-Horrorvision, wie sie der französische Schriftsteller Michel Houellebecq am Ende seines Romans Elementarteilchen entworfen hat. Schwärzer könnte der Blick in die Zukunft kaum ausfallen. Kein Frühling, nur Blues.