Es hieß Impossible Mission, und es ist ein paar Jahre her, dass mich die- ses Computerspiel für Wochen fest in seinem Griff hatte. Ganze Bartwüchse lang blieb ich an das Gerät und in das Gewebe der zu lösenden Probleme gefesselt; so schön kann Sucht sein. Und etwas von der leuchtenden Faszination begann sich auf unbegreifliche Weise aus dem Apparat in die Welt hinaus auszubreiten.

Heute wissen wir: Die digitale Revolution, der tiefgreifende Wandel der planetaren Kulturen und Wirtschaftsordnungen, ist nur Oberfläche, eine Kostümierung. Dahinter räkelt sich die wahre Gestalt jener zukunftsmächtigen Strömung: das Spiel.

Auf dem Höhepunkt meiner Impossible Mission -Phase saß ich in der Küche, Rechner im Nebenzimmer, es war Sommer. Man muss dazu wissen, dass die Programmierer die geschmeidige, unbewaffnete Spielfigur mit einem beeindruckend realistischen Schrei ausgestattet hatten, der zu hören war, wann immer der Held in ein Loch fiel. Anfangs warf ich den kleinen Mann hinein, wo es nur ging, um dieses Wunder der Stimmsynthese zu vernehmen. Dann saß ich da in der Küche, und plötzlich hörte ich den Schrei wieder, aber draußen - es muss ein oder zwei Straßen weiter gewesen sein - in der wirklichen Wirklichkeit. Ich begriff: Das Spiel ist auf dem nächsten Level angelangt.

Das Internet droht derzeit an seinem eigenen geschäftlichen Erfolg zu ersticken. Die rasende Zunahme kommerzieller Angebote im Web vermittelt den Eindruck einer endlosen Schaufensterflucht. Es entsteht eine Art Innenstadteffekt - eine verödete Gegend ohne jede Lebendigkeit. Das, was neugierig macht an der neuesten Welt, droht verloren zu gehen. Das, was ganze Völkerschaften bereits dazu angestiftet hat, ihre Kultur in digitaler Form neu zu erfinden.

Auch der Begriff "Information" ist entzaubert. Information ist kein Massenbedürfnis, sondern eine Berufskrankheit von Journalisten und Wissenschaftlern. Jemand, der acht Stunden anderwärtig hart gearbeitet hat, wird sich abends nicht an seinen Rechner setzen und das Recherchieren zu seinem Hobby machen. Er will spielen - an der leistungsfähigsten Entertainmentmaschine des bekannten Universums, am Netz.

Nicht zufällig fiel die explosionsartige Ausbreitung des World Wide Web in den Jahren 1993 und 1994 zusammen mit dem Auftritt eines völlig neuartigen Computerspiels: Myst. Wenn Neulingen zum ersten Mal das neue Browser-Fenster ins Netz gezeigt wurde, war immer wieder die Frage zu hören: "Did you play Myst?" Wer Myst gespielt hatte, sich intuitiv über eine Insel voller Geheimnisse und Zeitreisen bewegt hatte, dem musste man nicht groß erklären, wie man sich durchs Web bewegt.

Myst ist ein Spiel, das bereits reizvoll war, noch ehe man es im eigentlichen Sinn spielte. Es war gar keine richtige Musik, trotzdem habe ich zu Hause tagelang einfach die ambienten Sounds des Spiels vor sich hin laufen lassen, und auf unbegreifliche Weise begannen sich starke Stimmungen aus dem Apparat in die Welt hinaus auszubreiten, eine Invasion. Stundenlang durchstreifte ich die liebevoll erschaffene künstliche Welt, ohne an einem Problem oder einer Lösung interessiert zu sein. Ich drückte keinen Knopf, ich unternahm nichts. Ich genoss den Raum. Mit den Händen in der Hosentasche durch den Cyberspace flanieren.