Als ich zur Schule ging, gab es noch echte Feinde. Es waren nicht meine Feinde, das hatte ich schnell begriffen, es waren die Feinde meiner Freunde, aber was für Freunde konnten das schon sein, deren Hass- und Wutgefühle ich nie teilen konnte. Doch das ist ein anderes Thema, aber vielleicht auch nicht, und darum sollte ich jetzt von dem Morgen im Oktober 1977 reden, als in Mogadischu ein - zugegeben leicht todesschwadronmäßig auftretendes - GSG-9-Kommando 87 verzweifelte Lufthansa-Passagiere von einem tage- und nächtelangen Horrortrip wieder herunterbrachte. Ich hatte mich für diese unseligen Mallorca-Urlauber gefreut, aber meine Freunde und Mitschüler freuten sich überhaupt nicht. Als ich um acht in die Schule kam, waren, bis auf ein paar versteckt vor sich hin grinsende JU-Spießer, alle um mich herum kaputt und zornig, und ihr Hass gegen den Bullenstaat oder wie sie das nannten, steigerte sich proportional zu den immer neuen Nachrichten von dem kollektiven RAF-Die-in in Stammheim, die allmählich in die Klassenräume des Hamburger Helene-Lange-Gymnasiums sickerten. Es war ein grauer, melancholischer, vibrierender Tag, dieser 18. Oktober 1977, und selten war in Deutschland einer ganzen Jugend so klar, wo der Feind steht.

Mir war gar nichts klar. Ich kam aus dem Osten, aus Prag, mein Vater hatte in Moskau studiert und war von der Universität geflogen, weil er, selbst ein Kommunist, seinem besten Freund anvertraut hatte, Stalins Kampagne gegen die so genannten Kosmopoliten sei purer Antisemitismus, worauf der Freund ihn bei der Partei denunziert hat - und so weiter. Diese Geschichte, die zu Hause oft erzählt wurde, hat mich geprägt, sie hat mich mehr geprägt als jede Geschichte von irgendwelchen verrückt gewordenen Nazimassenmördern. Denn sie hat mich gelehrt, dass das Totalitäre an einem totalitären System vor allem ist, dass es sich um den Einzelnen im Namen der Systemlüge oder - schlimmer noch - Systemwahrheit nichts scheißt und erst recht nicht um dessen im Zweifel immer wahrere, weil menschliche Wahrheit. Wie sollte ich also verstehen, dass das Leben der Mogadischu-Geiseln und das von Hanns Martin Schleyer nichts wert war, aber jenes von Meinhof und Baader alles? Wie sollte ich Helmut Schmidt und die Polizei-SA-SS hassen, wie sollte ich in einem demokratischen Staat, der gerade etwas überreagierte, einen Feind sehen, den meine Freunde als so monströs und allgegenwärtig beschrieben, wie ich es vom Faschismus gehört und vom Bolschewismus sogar ein wenig selbst kannte? Und wie, vor allem, konnte ich nicht erkennen, dass meine Freunde fehlprogrammierte, unmenschliche, gedankenlose Dogmatiker waren, Leute also, vor denen meine Familie nach dem Ende des Prager Frühlings doch eben erst angeekelt weggelaufen war?

Zu Brecht selbst fällt mir noch etwas ein: wie sehr mich sein falscher, schnurrender Brecht-Ton angewidert hat, dieses taktische Fordern und Zaudern eines Volkspädagogen, diese Überheblichkeit von jemandem, der glaubt, bloß weil er ein paar Theaterstücke geschrieben hat und ich nicht, wäre ich zu blöd, zu durchschauen, dass sein ewiges schmeichlerisches Moralgerede in Wahrheit reine Kommunistenpropaganda ist. Außerdem, was konnte das schon für eine Moral sein, wenn er sie nur deshalb ins Feld führte, um einer - so sah ich es damals, so sehe ich es heute - diktatorischen Gesellschaftsform wie dem Kommunismus zum Sieg zu verhelfen? Das war das eine. Das andere war, dass, wie gesagt, die Feinde von Brecht und seinen Siebziger-Jahre-Lemmingen nicht meine Feinde waren, und weil jede Moral sich entsprechend ihrer Definition von Gut und Böse konstituiert, konnte Brechts dumpf-antibürgerliche, militant-kollektivistische Moral nicht meine Moral sein. Im Gegenteil, sie war mein Feind, und ich baute mir - sprunghaft, pubertär, unbewusst, selbstgerecht - gegen sie meine eigene universelle Menschen-Moral auf, von der ich viel später erfahren sollte, ganz ähnlich, aber viel klüger hätten sich das 200 Jahre vorher die Stars der Aufklärung auch schon gedacht. So wurde Bertolt Brecht in meinen Augen, stellvertretend für alle anderen linken Pseudomoralisten, zum Chefaushöhler des kostbarsten politischen Begriffs, den wir haben - der Moral. Und so wie ich dafür den Guten Menschen von Ost-Berlin hasste, hasste ich plötzlich alle Linken, alle meine Freunde, alle meine Feinde.

Das war natürlich gut. Denn während sich in Deutschland ab Ende der siebziger Jahre mit dem Salonkommunismus leider auch der Hass auf das Falsche und die kompromisslose Ablehnung gegnerischer Positionen aus dem politischen Großdiskurs zu verflüchtigen begannen, während die politische Kategorie der Feindschaft - als der Motor und das Fundament jeder moralischen Selbstvergewisserung - fast unbemerkt durch die neue, völlig unpolitische Kategorie der Angst ersetzt wurde, kam ich hass- und moralmäßig gerade erst in Fahrt. Bestimmt war ich nicht der Einzige, der stur an diesem berauschenden Gut-oder-böse-Denken festhielt, aber sehr viele waren wir nie, und mehr noch als unsere etwas humorlose Einzelkämpfer-Tour killt uns heute logischerweise die vollkommene Morallosigkeit der Zeit, in der wir inzwischen leben, die nicht nur wachsweiche Politiker, feige Arbeitskollegen und nuttiges Boulevardfernsehen produziert, sondern vor allem gleichgültige Intellektuelle und schlechte Bücher. Dazu dann später.

Die Deutschen sind ein Volk von selbstsüchtigen Neurotikern

Angst machte eines Tages plötzlich also in diesem Land politisch Karriere: Angst vor Kernkraft zum Beispiel, vor DDT, vor Tschernobyl ließ die Grünen entstehen und später grünes Denken und Fühlen parteiübergreifend Mainstream werden. Angst vor einem Pershing-SS-20-Atomkriegsdrama brachte für einen kurzen Herbst des Aufruhrs die Friedensbewegung auf die Straßen. Angst vor Saddams Giftgasdrohungen führte dazu, dass die Deutschen ein weiteres Mal mit einer Heftigkeit auf ihr Recht auf Frieden pochten, mit der sonst betrogene Pauschalreisende den im Reiseprospekt versprochenen Meeresblick beim Hotelmanager einklagen. Es war jedes Mal nur die Sorge um die eigene körperliche und seelische Unversehrtheit, die die Deutschen in kurzen, hysterischen Schüben politisch werden ließ. Sogar die banal und fast alltäglich dahergekommene Wiedervereinigung war das Produkt von Angst: der Angst der längst durchs Westfernsehen westdeutsch sozialisierten Ostdeutschen, nie etwas vom Geld ihrer westdeutschen Brüder abzubekommen. Und als es dann irgendwann darum ging, dass deutsche Kampfpiloten aus der sicheren Höhe von Tausenden von Metern ihre Bomben auf ein paar Schuschen abschießen sollten, bei denen ohnehin nie klar war, ob es nun unsere Nato-Schuschen sind oder dem Milocevic seine - als also im Kosovo der Krieg in all seiner irrationalen Logik nach Europa zurückkehrte, zitterte halb Deutschland um seine videospielenden Kampfpiloten, die andere Hälfte vor dem Dominoeffekt, und die Bundesregierung insgesamt zitterte vor Madeleine Albright und machte genau, was die wollte.

Habe ich Helmut Kohl vergessen? Habe ich nicht. Er hat wie kein anderer davon profitiert, dass die Deutschen sich in ein Volk von selbstsüchtigen, neurotischen Feiglingen verwandelt hatten, die nun einzig von ihrer Angst um ihr Wohlfühlgefühl angetrieben wurden. Der alte romantische Soldatenstamm hatte keine Kraft mehr zu kämpfen, er hatte keine schlechten Ideale mehr und keine guten, er kannte keine Feindschaften und keine Moral, es ging ihm nur noch darum, sich gut zu fühlen und auf keinen Fall schlecht. Gut essen, gut reisen, gut raven, gut Sex haben, gut Fitness machen, gut Geld verdienen, gut Zeitschriften blättern, gut druff sein - niemand wollte etwas anderes, und Helmut Kohl sorgte dafür, dass es so blieb. Er, dessen einzige originelle politische Idee darin bestand, in Krisensituationen in feige Scheinlähmung zu verfallen, war der richtige Mann in der richtigen Stunde. Seine wie in Stein gemeißelte mimische und politische Reglosigkeit war ein Symbol dafür, dass das goldene kapitalistische Zeitalter ewig währen würde, und dass Gerhard Schröder 1998 die Wahl mit dem Versprechen gewann, er wolle alles genauso machen wie Helmut Kohl, beweist, dass ich erstens absolut Recht habe, und zweitens, dass Kohl immer noch an der Macht ist.