Manchmal hat selbst Jubel seine Funktion. Diesmal, bei der CDU, sollte er eine Zäsur markieren nach der schweren Krise der Partei. Und weil der Schnitt, den die Union nach der Spendenaffäre herbeisehnte, möglichst tief sein sollte, musste die Euphorie besonders groß ausfallen - 95,9 Prozent, um genau zu sein. Mit diesem fast schon beschämenden Ergebnis wählten die Delegierten des Essener Parteitages Angela Merkel als erste Frau an die Spitze der CDU.

Das ist kein alltäglicher Führungswechsel. Der Übergang von Wolfgang Schäuble zu Angela Merkel bedeutet einen symbolischen Bruch. Nach den Monaten des Jammers demonstriert die Partei den Aufbruch - auch wenn sie dabei noch ganz unklar lässt, wohin es gehen soll. Doch das gehört zum Kalkül: Nur ein spektakuläres Ereignis kann die Affäre in den Hintergrund rücken und die Union - vielleicht - auf die politische Bühne zurückbringen.

Dass das Lächeln nur eine Seite der neuen CDU-Vorsitzenden ist, hat sich herumgesprochen. Ohne ihre Instinktsicherheit, Härte und Zielstrebigkeit wäre sie nicht an die Spitze gekommen. Natürlich weiß auch Angela Merkel, dass die politische Seite ihres Neuanfangs noch ganz im Vagen bleibt. Erst kam das Amt. Eine politische Mission hat sie nicht. Noch nicht? Zunächst einmal wird sie Erfolg haben wollen - so weit kennt man Angela Merkel schon.

Und vielleicht wird es ja ihr erster Erfolg als Vorsitzende, dass die Affäre, der sie ihren Aufstieg verdankt, mit einem Mal schon viel weiter entfernt wirkt? Die Wahl Merkels historisiert die Kohlschen Sünden. Zwar gehört die Formulierung von der "schwersten Krise in der Geschichte der CDU" inzwischen zu den Standardsätzen der innerparteilichen Krisenrhetorik. Doch Lust, über die Ursachen und die Folgen des Skandals zu streiten, hat inzwischen kaum ein Parteimitglied mehr. "Hatten wir schon!" - konterten die Essener Delegierten auch die zaghaftesten Anläufe zu einer Debatte. Angela Merkels steiler Weg an die Spitze begann mit dem Nimbus der entschiedenen Aufklärerin. Jetzt wird sie die Debatte beenden.

Wolfgang Schäuble, Merkels Vorgänger, der sich ganze 16 Monate im Amt hielt, ist nun das einzige Opfer der Affäre. Peter Müller spricht in Essen von der Ungerechtigkeit, die darin liegt: Schäuble, der in kurzer Zeit so erfolgreiche Parteichef, scheitert an einer Affäre, in der er wohl doch nur die Nebenrolle spielte. Das Drama des Wolfgang Schäuble, auch das ist kein rechtes Thema für Merkels Wahlparteitag. "Mit das Bedauerlichste in den letzten Wochen" sei für sie der erzwungene Rückzug ihres Vorgängers gewesen, sagt Merkel und fügt hinzu: "Lieber Wolfgang Schäuble. Ich habe sehr gerne mit Ihnen und für Sie gearbeitet. Diese 16 Monate sind für mich nicht nur politisch, sondern auch menschlich eine außerordentlich prägende Zeit." So ist die Neue. Auch das hat sich herumgesprochen: Sie pflegt einen nüchternen und selbstverständlichen Umgang mit den Härten des Lebens. Und wenn sich diese Härten in ihrem näheren Umfeld ereignen, sieht Angela Merkel nichts Ehrenrühriges daran, zuzugreifen.

Und Schäuble selbst? Fast wundert man sich ein wenig, wie schnell der scheidende Vorsitzende die neuen Regeln verinnerlicht hat. Kaum mehr als einen einzigen bitteren Ausbruch über Kohl hat sich der einstige Weggefährte öffentlich erlaubt. Sofort ist er zur Ordnung gerufen worden. Es genügt nicht, dass die CDU jetzt den Schlussstrich zieht - es müssen sich auch alle daran halten. Kurz ist sie aufgeblitzt, die Drohung an Schäuble: Wer über die Vergangenheit nicht hinwegkomme, könne schnell seine Zukunft in der Partei verspielen. Nicht Angela Merkel, ihr Generalsekretär, der aufrichtig-harmlos erscheinende Ruprecht Polenz, rügt Schäuble. Der reagiert. Er hält eine zurückhaltende Rede, in der er sich mehr versteckt, als dass er zu erkennen gibt, was ihn umtreibt, politisch und menschlich. Natürlich bekommt Schäuble noch einmal stehende Ovationen. Es ist seine Nachfolgerin, die sich nach einer Weile demonstrativ setzt und den Beifall zu beenden sucht. Keinen Moment lang vermutet man böse Absicht. Da ist sie einfach wieder, Angela Merkel, unaufgeregt, nüchtern, zielstrebig. Und bloß keine Sentimentalitäten.

Dem Bruch mit Kohl könnte bald die Versöhnung folgen