Rathenow

Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt! Seht, wie sie nazidumm und böse im Havelland kauert, kaum ein Stündchen westwärts von Berlin. Wart ihr nicht Zeuge, als die braune Jauche aus dem Magazin Kontraste schwappte? Schriebt ihr nicht Briefe, stapelweise, an den SFB und danktet für die "prima Sendung über dieses Scheiß-Kaff in Brandenburg"? Und gar aus Chile fragte es, ob man in Rathenow nun wieder Juden verfolge. Nein, Juden haben sie wohl nicht, aber 1300 Ausländer (Übersiedler inklusive). Und 27 000 Deutsche.

Kontraste entsandte Gabriele Probst, Reporterin vom Typus flammendes Herz. Ihr Beitrag Ratlos in Rathenow zeigte braunfaules Jungvolk, das Deutschland-den-Deutschen-Gesülze erbrach, ratlose Eltern, einen, wie es schien, verstockten Schuldirektor und einen Fettsack, der im "Kaufland" einen Pakistani "Scheiß-Ausländer" titulierte. "So denken hier alle", erfuhr der Betrachter. Dann entließ ihn die Moderatorin Petra Lidschreiber mit touristischem Rat: Wer keine Lust habe, in Haiders Österreich Ski zu fahren, dem sei sicher auch die Freude am Wanderurlaub in Brandenburg vergangen.

Rathenow, das darf man sagen, heulte auf. Wir haben die Pest überlebt, wir haben den Weltkrieg überlebt!, rief am Antirassismustag der Bürgermeister Lünser einem Völklein Demonstranten zu und schwor, Rathenow werde auch diese Heimsuchung überstehen. Und obgleich Lünser von "Chaoten" sprach, klang es vielen, als wohnten sie einer Anti- Kontraste- Demo bei. Das Zehn-Minuten-Filmchen schwoll zum Stadtgespräch. Zuhauf empfing der SFB die Dokumente tiefster Rathenower Kränkung: Quotengeil und mit schlampiger Recherche habe das Magazin die Stadt zur browntown heruntergesaut. "Ja, wir sind ratlos in Rathenow. Dies aber eher aufgrund Ihres diffamierenden Berichtes. Mit wenig freundlichen Grüßen ..." Ausländer-raus-Post gab es ebenfalls, gern auch aus dem Westen.

Es kommt wie schon öfter, wenn heimtückische Westmedien über den barbarischen Osten berichten. Die Stadt lädt, falls nicht zum Tribunal, zur Podiumsdebatte. Dreihundert Rathenower strömen in die Weinbergschule. Generalsuperintendent Schulz macht den Friedensrichter: Rassismus sei ein hochwirksames Gift, nicht einmal in Spuren tolerabel. Die Abwehrkräfte gelte es zu stärken. Ebendies, das Gute zu erwähnen, habe der Film versäumt, moniert Almuth Berger, die Ausländer-Beauftragte von Brandenburg. Bürgermeister Lünser, Cherub seiner Stadt, leugnet nicht die Existenz von Rechtsradikalität; schließlich habe die Shell-Studie 27 Prozent aller Jugendlichen als hoch ausländerfeindlich eingestuft - in ganz Deutschland! Beistand aus dem Publikum: So wie hier ist es doch überall! Darauf ruft der Antifaschist Friso Kegel, laut Verfassungsschutzbericht führten hierzulande alle rechten Wege nach Rathenow. Alsdann rückt Reporterin Probst ins Visier: Antirassistische Äußerungen hätten sie gar nicht interessiert. Das Kontraste- Team versetzt, man habe kein Reisejournal Rathenow fabrizieren wollen, sondern den Hilfeschrei der Asylbewerber verfilmt. Aufgeregt überreicht der Schüler Stefan Lüdke Petra Lidschreiber 510 antirassistische Unterschriften aus der fälschlich als rechts inkriminierten Bruno-H.-Bürgel-Schule (600 Schüler). Spitz dankt die Beschenkte: Ob man die Signaturen nach dem Memorandum der Asylbewerber gesammelt habe oder nach der Kontraste- Sendung?

So zickt es hin und her. Der Bürgermeister begreift das Medium nicht als Chance, die SFBler überhören die humane Potenz der einheimischen Empörung. Wechselnder Applaus - was ist das wahre Rathenow? Endlich beschließt Generalsup Schulz das Gestocher. Als wär's ein Kreismissionsfest, als spräche er den Segen, senkt er die Formel "Total normal in Rathenow" mild mahnend in die aufgewühlten Herzen. Da aber, als das Volk schon heimwärts strebt, ruft aus dem Publikum der Pater Koch, was bislang niemand eingefallen ist: Ich entschuldige mich bei den Ausländern, die von den Deutschen verbal, nonverbal und tätlich angegriffen wurden!

Mehr Beifall kriegte keiner. Ja richtig, ging's nicht um die Asylanten? Einige waren im Saal, und auf der Bühne stand ihr Sprecher Christopher Nsoh, ein junger Jurist aus Kamerun. Nsoh ist pikiert: Die Stadt hat den Dolmetscher vergessen. In drei Tagen mögen wir nach Potsdam kommen. Dort gebe er mit seinen Freunden eine Pressekonferenz.