Chemnitz ist grau, verbaut, unbeliebt. Die Stadt nennt sich "InnovationsWerkStadt" und wäre gern so erfolgreich wie ihre Universität. Die hat in den letzten zehn Jahren Bemerkenswertes geleistet, Charme bewiesen, den Chemnitz niemals haben wird. Sie hat Studenten und Professoren in die Betonstadt gelockt, in die sich früher, als sie noch Karl-Marx-Stadt hieß, nur künftige Ingenieure für Maschinenbau und Elektrotechnik verschicken ließen. Auch Christian von Borczyskowski wusste von Chemnitz lange Zeit nicht viel mehr, als dass es dort "irgendeine Maschinenbauanstalt" gab. Seit zweieinhalb Jahren ist er nun Rektor der Technischen Universität Chemnitz und hat mit allen Vorurteilen aufgeräumt, bei sich selbst und den Kollegen.

Fast unbemerkt hat sich die TU Chemnitz an die Spitze deutscher Hochschulengeschoben. "Innovativ, interdisziplinär, international" - so möchten alle Universitäten heute sein. In Chemnitz hat man aus den In-Worten ein Programm gemacht. Das "Chemnitzer Modell" überwindet die starren Fächergrenzen, die das deutsche Hochschulsystem vielerorts noch prägen. Während an anderen Universitäten die Mediävisten mitunter nicht mal mit den Historikern zusammenkommen, gelang es in Chemnitz, Geisteswissenschaftler mit Informatikern, Natur- und Wirtschaftswissenschaftlern zu verkuppeln. Wer das "Chemnitzer Modell" studiert, wählt ein Hauptfach aus dem Studienangebot der Philosophischen Fakultät und ein zweites Hauptfach aus den technischen und naturwissenschaftlichen Richtungen. So lässt sich etwa Sportwissenschaft mit Betriebswirtschaftslehre verbinden. Germanistik kann studiert werden mit grafischer Technik, eine für Verlage und Multimediaberufe interessante Mischung.

Günther Hecht und Christian von Borczyskowski haben die Chance zur Verwandlung genutzt. Dennoch sind sie nie ein Team geworden - Hecht, der Ost-Physiker, jahrelang vor allem zuständig für Vergangenheitsbewältigung, Borczyskowski, der West-Physiker, der von der Freien Universität Berlin kam und zum Mann der Zukunftsstrategien wurde. Ob sie sich mögen, ist schwer zu sagen. Respektvoll nennt Hecht den Rektor Magnifizenz. Borczyskowski spart sich meist sogar den Professor in der Anrede. Die Zeiten seien nicht vergleichbar mit denen, als Hecht im Amt war, sagt er.

Und Hecht sehnt sich nicht zurück nach der Macht. Seine Amtszeit war ein Kraftakt. Um zu überleben, musste sich Chemnitz öffnen für neue Fachrichtungen, konkurrenzfähig sein gegenüber den großen Universitäten in Dresden und Leipzig. Also weg mit den Altlasten. Günther Hecht, seit 1963 selbst an der TU Chemnitz, hat rund 900 Entlassungen von Wissenschaftlern, unter ihnen ehemalige Kollegen, unterschrieben. In etwa 700 Arbeitsgerichtsprozessen vertrat er die Universität vor Gericht. Rund 30 Prozent aller Stellen an der TU sollten neu besetzt werden. Allein bei den Maschinenbauern wurden die Professorenstellen von 96 auf 27 gekürzt.

Den größten Widerstand gab es gegen die Neugründung der Philosophischen Fakultät, erinnert sich Hecht. Zum einen wurden fast alle neuen Stellen aus dem Westen besetzt, zum anderen sahen viele Professoren ein Ende der Tradition als technische Universität. Die Erweiterung des Fächerspektrums aber war nötig: um mehr Studenten zu gewinnen und um zu experimentieren. Von Anfang an sollten die geisteswissenschaftlichen Fächer mit Naturwissenschaftlern kooperieren.

Diese Bereitschaft, fächerübergreifend zu arbeiten, gehört in Chemnitz zum wichtigen Einstellungskriterium für Hochschullehrer. Häufig jedoch halten die guten Vorsätze der Neulinge dem Arbeitsalltag nicht stand. "Wenn einer jahrelang allein seinem Wissenschaftsgebiet verhaftet war, dann dauert es manchmal mehrere Jahre, bis der anders denkt und reagiert", sagt Rektor Borczyskowski. Wirtschaftswissenschaftler sollten ihr Wissen plötzlich Psychologiestudenten vermitteln, Informatikdozenten mit Sprachwissenschaftlern zusammenarbeiten. Nur wenige Professoren können damit umgehen, auch in Chemnitz ließen sie sich nicht immer freiwillig darauf ein.

Doch wer sich weigert, sein Gebiet für fachfremde Studenten zu öffnen, sieht sich finanziell bestraft. Seit einigen Jahren übt sich die TU Chemnitz in leistungsgerechter Mittelzuteilung - und ist auch damit vielen Universitäten voraus. Ein transparenter Verteilungsschlüssel sorgt dafür, dass sich jede Fakultät ausrechnen kann, welches Geld ihr im nächsten Jahr zusteht. Neben der Anzahl der Studenten fließt auch die Zahl interdisziplinärer Projekte sowie die Menge der erworbenen Drittmittel in die Finanzierung ein.