Nun gilt es zu beginnen. Aber wie? Und wo? Das ist nebensächlich: in einen Toten tritt man ein wie in eine offene Stadt." So beginnt der unsterbliche Idiot der Familie, Sartres grandiose Verewigung des Gustave Flaubert. Bis vor kurzem war Sartres Werk selbst eine tote und verfallene Stadt, und kein Lebender wollte sie mehr betreten, denn sie lag weitab von allen gängigen Wegen. Wer heute, zwanzig Jahre nach Sartres Tod, allen Warnungen zum Trotz, in diese labyrinthische Stadt eintritt, begegnet in ihren Schluchten zuerst Antoine Roquentin, dem Wahrheitssucher in Sartres 1938 erschienenem Roman Der Ekel . Ekel ist ein Gefühl, das übrig bleibt, wenn nichts mehr bleibt. Wenn bei "geschlossenen Fensterläden" ein Schleier zerreißt und das Bewusstsein in die Obszönität der Welt "zerbirst". Wenn in der Schlaflosigkeit die Abstraktionsidyllen von Philosophie und Religion zu Staub zerfallen. Wenn nichts mehr bleibt als das Nichts des absurden, bodenlosen und zufälligen Subjekts. Ekel ist Erkenntnis. Antoine Roquentin: "Ich existiere - die Welt existiert. Das ist alles."

Das ist alles, aber ein Anfang, der bis zum Ende reicht. Sartre, Gymnasiallehrer in Paris, will das Denken noch einmal "hinauswerfen in den trockenen Staub der Welt" und dem Begriff die existenzielle Anschauung lehren. Kurz darauf wird er als Wetterdienstsoldat zum Militär eingezogen, liest Heidegger und verwandelt dessen Fundamentalontologie in eine Philosophie der Résistance. Antoine Roquentin begegnet seiner eigenen Frage. Was bleibt in diesem terroristischen Jahrhundert übrig? Was ist "wirklich"? Nur das "Ich bin", das Nichts der einsamen und absurden Subjektivität. Sie ist das einzig wirkliche Prinzip, das am Ort seiner Existenz aufzusuchen und zu analysieren ist. "Wir sind allein", schreibt Sartre später, "ohne Entschuldigung. Nichts kann die Menschen vor sich selbst retten, und auch nicht ein Beweis Gottes." Das ist der Refrain der Freiheit und die Urszene der französischen Nachkriegsphilosophie. "Der Mensch ist nichts anderes als das, wozu er sich macht." Existenz geht der Essenz voraus. Man kann wählen. "Der Existentialismus sagt dem Menschen, dass es Hoffnung nur im Handeln gibt und die Tat das einzige ist, was dem Menschen zu leben erlaubt."

Reflexion ist Verneinung; nur durch Negation des uns umgebenden An-Sich verstehen wir uns darauf, was und wer wir sind. "Der Mensch ist von dem, was er ist, immer getrennt durch die ganze Weite des Seins, das er nicht ist." Deshalb ist das Leben außer Atem, je schon zu spät und sich stets voraus, zwischen Ohnmacht und Allmacht, Angst und Hoffnung. Und dann der entscheidende, der dunkelste und hellste Satz: "Das Für-sich-Sein ist ein Sein, das nicht das ist, was es ist, und das ist, was es nicht ist."

Diese Verbindung aus Transzendentalphilosophie und Daseinsontologie macht den Autor nach 1945 auf einen Schlag weltberühmt. Das Sein und das Nichts ist ein geistiger Meteorit, der das totalitäre Zeitalter zertrümmern soll. Mit seinem untrüglichen Gespür für gefährliches Denken setzt der Vatikan Sartres Bücher auf den Index, während rechtgläubige Kommunisten Sturm laufen gegen einen Mann, der "unsere Jugend in Verzweiflung treibt". Es beginnen die années Sartre , aus dem Existenzialismus wird ein Lebensstil, ein Missverständnis, das zu verhindern Sartre wenig Neigung zeigt. Doch so großartig die Beobachtungen und Analysen in Das Sein und das Nichts waren, auf den Abschnitten über den Blick oder das Begehren lagen eine düstere Aussichtslosigkeit, ein unstillbarer Zweifel an Verständigung, Kommunikation und Liebe. Ich gegen ich, Für-Sich gegen Für-Sich, Entwurf gegen Entwurf. Ein Blick ist eine Drohung und das Leben ein Sein zum Krieg. "Ich sehe mich immer in den Augen anderer, ihr Blick enthüllt meine Subjektivität, indem sie sie zum Objekt macht." Die Liebenden quälen sich in Herrschaft und Knechtschaft, Masochismus und Sadismus. Die Hölle, das sind die anderen.

Liebe ist das Wechselspiel von Herrschaft und Knechtschaft

Dann Einspruch. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen eine Gesellschaft denken? Wie gelangt man von einer Theorie radikaler Wahl zu Gemeinschaft und Intersubjektivität? Ist Sartres freies Subjekt ein körperloses Ego und seine Vorstellung vom Handeln blindwütiger Aktivismus? Wenn jeder in Freiheit wählen kann - ist dann auch der Sklave frei? Wie kann man wählen, ohne die Kriterien der Wahl nicht immer schon gewählt zu haben?

Sartre hatte sich im Dickicht seiner Dichotomien verstrickt; die Schwäche seines methodischen Individualismus liegt offen zutage. In Wahrheit und Existenz klagt er zunächst über Heidegger, weil dieser "Geworfenheit" zum "Geschick" mystifiziere; dann erweitert Sartre seinen Freiheitsbegriff und will ihn als zwischenmenschliche Gabe verstehen, die dem Anderen zur Prüfung angetragen wird. Doch entscheidend bleibt, bis zu seinem zweiten Hauptwerk, Kritik der dialektischen Vernunft , etwas anderes, und vielleicht bildet es das Motiv des ganzen Werks: Weil sich für Sartre im Moment der Reflexion nicht die Autorität des Seins zeigt, sondern, ganz schlicht, nur die Grenze unseres Bewusstseins, ist es ihm möglich, zwei scheinbar unvereinbare, konträre Philosophen zusammenzulesen: Marx und Kierkegaard. Von Kierkegaard übernimmt Sartre die Hoffnung, schon die aussichtslose Reflexion auf die Bedingungen unserer Endlichkeit verändere das Bewusstsein. Wie es bleibt, so ist es nicht. Marx hingegen färbt Sartres Forderung nach einer gerechten Gesellschaft, die den Daseinskampf beendet.