Berlin/Moskau

Churchill pflegte zu sagen, Russland gleiche einem Rätsel in einem Rätsel, das wiederum von einem Rätsel umschlossen sei. Die Russlandpolitik der Europäer lässt hingegen vermuten, Russland sei ein rohes Ei in einer zerbrechlichen Schale, die weder beherzt angefasst noch hart gekocht werden dürfe.

Am Montag dieser Woche aber bemühten sich dann die EU-Außenminister, die Gemüter zu kühlen, damit das eurasische Ei bloß nicht platze. In Luxemburg versicherten sie dem russischen Amtskollegen Igor Iwanow, sein Land solle nicht isoliert werden. Moskau wird wegen des Tschetschenien-Krieges ermahnt, aber nicht bestraft. Denn die europäischen Regierungen teilen durchaus manche Befürchtungen der Russen im Kaukasus.

Diesen Eindruck verstärkt die jetzt bekannt gewordene Tschetschenien-Reise August Hannings vom 22. März. Da war kein deutscher Möchtegern-007 in tollkühner Mission am Kaukasus. Der Präsident des Bundesnachrichtendienstes ist ein eher bedächtiger Mann, ein klassischer Beamter mit einem dienenden Amtsverständnis. Was also führte ausgerechnet ihn vier Tage vor der russischen Präsidentschaftswahl auf den Schauplatz dieses schmutzigen Krieges? Hinter vorgehaltener Hand sind die Deutschen überdeutlich: knallharte Interessen und die Furcht vor einem Flächenbrand von Afghanistan bis zum Schwarzen Meer. Die Sorgen heißen islamischer Fundamentalismus, ein im Chaos versinkendes Russland, Handel mit Waffen, Plutonium, Drogen, Anschläge auf die Ölpipelines.

August Hanning, so verraten gut informierte Kreise des BND, sei auf eigenen Wunsch nach Tschetschenien gefahren und nicht, wie fälschlicherweise behauptet wird, auf Einladung der Russen. Deren Genehmigung habe lange auf sich warten lassen. Als im vergangenen Herbst Unbekannte in mehreren russischen Städten ganze Wohnblocks in die Luft jagten, lösten westliche Regierungschefs einander in der Telefonseelsorge für Moskau ab. Auch Bundeskanzler Schröder sorgte sich und rief Boris Jelzin an. Der servierte ihm die offizielle russische Version, dass mutmaßliche tschetschenische Terroristen hinter den Anschlägen steckten. Der damalige russische Präsident bat um Hilfe bei der Aufklärung, die prompt gewährt wurde.

Der Bundesnachrichtendienst übergab den Russen Ende vergangenen Jahres Material über radikale Islamisten, deren Ausbildungslager und weltumspannende Netzwerke. Hierzu fühlten sich die deutschen Geheimdienstler berechtigt, denn schließlich war im Rahmen der G8-Treffen vereinbart worden, im Kampf gegen den internationalen Terrorismus zu kooperieren. Dieser "Informationsaustausch", heißt es beim BND, fand ausschließlich im Zusammenhang mit den Anschlägen gegen russische Wohnhäuser statt und betraf nicht Tschetschenien.

In Moskau wiederum behaupten Informationsschaufler im Dunstkreis des Geheimdienstes FSB, die Deutschen hätten Moskau Erkenntnisse über Firmen überlassen, die aus Westeuropa tschetschenische Kämpfer finanzierten. Die Iswestija will in Erfahrung gebracht haben, dass die russische Seite im Gegenzug Berlin versprochen habe, Reisen tschetschenischer Kämpfer nach Deutschland zu verhindern. Diese ließen ihre Kriegsblessuren gern in deutschen Krankenhäusern behandeln. Auch der kürzlich von den Russen verhaftete tschetschenische Bandenchef Salman Radujew, so blubbert es in der Moskauer Gerüchteküche, sei bereits - gut getarnt - zu einer Operation in Deutschland gewesen.