Mein Traum ist die Idee, mit der Zeit anders umgehen zu dürfen. Die Entdeckung der Möglichkeit, mir Zeit zu nehmen, wenn ich sie brauche. Ich mag die Vorstellung, dass es eine Aufgabe gibt, die man für lange Zeit ganz allein ausführen kann, allein mit sich, mit dem Blatt Papier, der Leinwand oder einem Stück Holz. Ich vermisse die Zeit des einsamen Kampfes mit dem Werk - eine Zeit, die meine Künstlerfreunde sich einfach nehmen. Ich kann das nur auf der abstrakten Ebene. In der manuellen Umsetzung wird mir die Zeit des Alleinseins genommen, weil es die Umstände so wollen.

Ich spreche von der Drohung des leeren Rahmens. Vom Bewusstsein, dass man etwas formulieren will, und dem Weg dahin. Von der Kompliziertheit dieses Prozesses - bis man weiß, was man formulieren möchte. Dass man erkennt, wann man aufhören muss.

Wir sind oft in Kurts Atelier gesessen. Kurt hat mir Rückhalt gegeben mit seiner Arbeit als Maler. Hat mir gezeigt, dass das, was ich immer geahnt habe, nicht verkehrt ist, nur unüblich im Modesystem. Das war sehr wichtig für meine Entwicklung.

Die unbewusste Vorbereitung ist ein langsamer Prozess. Man muss sich Zeit geben, ganz offen dastehen, um den nächsten wichtigen Schritt zu machen. Wenn das gelöst ist, kann es sehr schnell gehen. Es gibt eine Zeit, in der man nur aufnimmt, sich Platz macht. Und dann kommt ein Punkt, wo man weiß: diese Farbe, dieses Material, diese Form, dieser Zusammenhang. Das ist der Punkt, wo das Neue anfängt.

Irgendwann muss einen das Werk zwingen, aufzuhören, weil es eine eigenständige Form erreicht hat - selbst wenn man etwas anderes geplant hat. Genau das will man. Aber das kann zu einem ganz anderen Zeitpunkt geschehen, als man erwartet hat. Irgendwann schlägt die Arbeit zurück. Wenn sie stark genug ist, um zurückzuschlagen, ist sie stark genug, um allein zu existieren.

Bei diesem Prozess hilft einem der Zeitdruck. Deadlines zwingen einen zu formulieren. Sonst würde man sich zu viele Freiheiten nehmen. Die Deadline ist wie eine strenge Mutter. Man begreift nicht, warum man etwas machen muss. Erst später versteht man.

Als ich das erste Mal bei Louise Bourgeois war, einer New Yorker Bildhauerin, hat mich alles an Kurts Atelier erinnert. Bei ihr ist so viel angehäuft, es sieht ganz zeitlos aus. Da stehen Objekte seit 50 Jahren, und irgendwann macht sie etwas daraus. Skulpturen, wie bei Kurt, bemalt. Erst wenn Louise glaubt, dass sie eine endgültige Form erreicht hat, gibt sie ein Werk frei. Das wünsche ich mir. Diese Vielschichtigkeit der eigenen Arbeit. Louise greift ähnliche Themen immer wieder auf, in anderen Formen. So arbeite ich auch.