Wie seltsam, dass Klaus Dreher, der über ein sensibles und mitunter blitzendes Sprachvermögen verfügt, für den Untertitel seiner Studie über die beiden Hauptstädte Bonn und Berlin das Modewort "Befindlichkeiten" zu Hilfe nahm. Dieser wolkig-neudeutsche Begriff widerspricht der ironischen Präzision, die Drehers Spurensuche auf den ersten und den letzten Etappen des Weges der Bundesrepublik durchs vergangene Halbjahrhundert in der Regel auszeichnet.

Was kann er gemeint haben? Die deutsche Mentalitätsgeschichte, die er durch seine Erzählung von der Entstehung des Bonner und des Berliner Staates ins Licht rückt? Betrachtet er die beiden Städte als Spiegel historischer Prägungen, die sich in den Bildern vom Treibhaus Bonn und von der Schaubühne Berlin annoncieren? Oder will er vorsichtig auf die Veränderungen weisen, denen sich Deutschland und die Deutschen durch den Umzug der Zentrale des Bundes aus der rheinischen Provinzstadt in die alte preußische Metropole aussetzen mag (obschon die Verantwortlichen jeder Couleur nicht müde werden, auf die Kontinuität der politischen Grundlinien zu pochen)?

Die Metapher vom Treibhaus hat, man weiß es, Wolfgang Koeppen mit einem genialischen Roman in die Welt gesetzt. Er verwandelte die Impressionen seines knapp bemessenen Aufenthaltes am Rhein in die zweite Realität der Literatur, in der sich Elemente der durchschauten Wirklichkeit und einer furchtsamen Fantasie auf paradoxe Weise mischten. Es hatte seine eigene Wahrheit, das Koeppensche Treibhaus. Mit den Bonner Verhältnissen stimmte sie nur partiell überein.

Für die Nachbarschaft von Politik und Medien (die damals keine Seele so nannte) traf die ungesunde Steigerung der Temperaturen (dann und wann) aber durchaus zu. Den Merkwürdigkeiten der Pressewelt von Bonn, in der sich der langjährige Korrespondent der Süddeutschen Zeitung auskennt wie kaum ein anderer, räumt Dreher ein eigenes Kapitel ein. Fast schwärmerisch träumt er den fünfziger Jahren nach, in denen es sich "ein Korrespondent in Bonn erlauben (konnte), eine Nachricht tage- oder wochenlang auf Eis zu legen, um weiter zu recherchieren. Das waren paradiesische Zustände für den Journalismus, aber auch für die Politik, die Entscheidungen gründlicher bedenken und bereden konnte. Später wurden häufig Beschlüsse bekannt, bevor sie gefasst wurden ..." Dreher durchleuchtet das System der exklusiven "Kreise", das mit Adenauers Kanzlertees kreiert wurde. Der Alte wusste es wohl: Vertraulichkeit kann eine subtile Form der Bestechung sein, da nichts der Eitelkeit des vierten Standes auf gleich wirksame Weise schmeichelt.

Manche Kollegen erlagen hernach der permanenten Versuchung, Politik zu machen, statt über sie zu berichten, wie Dreher kritisch anmerkt.

Niemand scheint auf diesen Instrumenten der "Hintergrundinformation" mit größerer Beharrlichkeit gespielt zu haben als Helmut Schmidts Regierungssprecher Klaus Bölling. Helmut Kohl wiederum, von Beginn an mit der Presse durch eine innige (und gegenseitige) Abneigung verbunden, hat - laut Dreher - trotz seiner demonstrativen Ressentiments gegen das Hamburger Magazin mit "Mitgliedern der oberen Spiegel-Etage vertrauliche Vieraugengespräche" geführt. Das überrascht. Seine Pressesprecher hielt er kurz. Dreher erzählt, dass sich selbst der ausladende Peter Boenisch "auf ein Schemelchen im Büro" des Kanzlervertrauten Eduard Ackermann setzen musste, wenn er "etwas erfahren wollte".

Adenauer, nicht Helmut Kohl prägte das schlaue Bonmot: "Den Spiegel? Den jibt et nur, wenn Se ihn lesen." In Wahrheit wusste kein anderer die Anfälligkeiten der Kunstwelt des Medienzirkus für Indiskretionen und "gepflanzte Nachrichten" virtuoser zu nutzen als der Urkanzler, den alle Welt schon den alten Fuchs nannte, als er auf den Plan der deutschen Nachkriegspolitik trat. Nur seinen verwirrenden Winkelzügen konnte es gelingen, das Pensionärs- und Universitätsstädtchen am Rhein zur (vorläufigen) Hauptstadt zu befördern. Die Abneigung gegen Berlin war nach Drehers Urteil nicht das entscheidende Motiv, das den betagten Bürger von Rhöndorf dazu bewegte, das politische Zentrum der Bundesrepublik links des Rheins anzusiedeln, sondern "ausschließlich das Mißtrauen gegen alles, was kommunistisch inspiriert war". "Insofern", fährt der Autor fort, "war Bonn nichts weiter als ein Produkt des Kalten Krieges. Adenauer wollte mit dem Amtssitz außerdem unterstreichen, dass die Bundesrepublik ihr Gesicht nach Westen wendete, vor allem nach Frankreich, dem Verbündeten, von dem er am meisten erwartete und unter dem er am meisten zu leiden hatte."