Dass sie mal Putzfrauen um ihr Gehalt beneiden könnte, hätte sich Kolbrun Haraldsdottir nicht träumen lassen. Die Isländerin arbeitet als Lehrbeauftragte an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) Erlangen-Nürnberg. Im Studiengang Nordische Philologie lehrt sie ihre Muttersprache und isländische Landeskunde. Für jede ihrer fünf Unterrichtsstunden pro Semesterwoche erhält sie 32 Mark, inklusive Vorbereitung, Korrekturen und Studienberatung. Rechnet man diese Arbeit mit ein, verdient die Sprachwissenschaftlerin in der Stunde etwa 6 Mark. Das alles ärgert die Skandinavierin schon, auch in Island gebe es Lehrbeauftragte, "allerding fest angestellte, die selbst in den Ferien bezahlt werden".

Ihre vergleichsweise klägliche Situation in Deutschland ist typisch für die vieler Hilfsdozenten - und keineswegs im Sinne des Erfinders. Lehrbeauftragte sollten ursprünglich das Kursangebot der Hochschulen ergänzen, exotisches Zusatzwissen (wie etwa das Latinum für Geisteswissenschaftler) einbringen oder Erfahrungen aus der Berufswelt vermitteln. Dabei sollten sie auf die bescheidenen Honorare nicht angewiesen sein, hatten sie in der Regel doch einen ordentlich bezahlten Beruf (zum Beispiel als Lateinlehrer) oder waren längst in Rente. Erst recht verlangte kein Rektor von ihnen, Proseminare zu leiten und Zwischenprüfungen abzunehmen. Bei Kolbrun Haraldsdottir und vielen ihrer Kollegen gehört genau das aber zu ihrem Job.

Der Grund lautet wie üblich heutzutage: Die Hochschulen müssen sparen

aber sie wollen sich nicht von attraktiven Kursangeboten trennen. Auch der normale Lehrbetrieb muss laufen. Und da fest angestellte wissenschaftliche Mitarbeiter teuer sind, beschäftigen sie statt dessen lieber ein Heer von schlecht bezahlten Aushilfen, die von ihren Minihonoraren auch noch selbst ihre Sozialversicherung bezahlen. Diese Zustände lassen Gerd Köhler, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), nicht ruhen. Als Lehrbeauftragte arbeiten laut Köhler derzeit etliche "Wochen- und Stundenlöhner, die in prekären Beschäftigungsverhältnissen Daueraufgaben in der Lehre übernehmen". An der Freien Universität Berlin etwa werden nach Senatsangaben rund 22 Prozent aller Unterrichtsstunden durch Lehrbeauftragte abgedeckt, an einigen künstlerischen Hochschulen sind es über 40, an der Fachhochschule für Wirtschaft gar über 50 Prozent. Oft seien die Aushilfsdozenten gänzlich "auf solche Aufträge angewiesen", diejenigen zum Beispiel, die eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen wollen und keine andere Stelle an einer Universität bekommen können. Gerade sie, die potenziellen Nachwuchswissenschaftler, würden "schändlich ausgenutzt".

Köhlers Fazit: "Die Hochschulen sparen so Geld, und die Kultusministerien tolerieren das." Seit 1987 ist der niedrigste, aber sehr übliche Stundensatz von 32 Mark nicht mehr erhöht worden.

Manch einer denkt über den Gang zum Sozialamt nach

Gottfried Jasper, der Rektor der Universität Erlangen-Nürnberg, kennt das Problem genau. "Ein Honorar von 32 Mark für Lehrbeauftragte ist skandalös, das ist uns allen klar." Doch ihm seien die Hände gebunden. "Der bayerische Finanzminister ist nicht bereit, die teilweise bundesweit abgestimmten Sätze und gleichzeitig das Honorarvolumen zu erhöhen." Seine Universität verfüge pro Jahr für etwa 370 Lehrbeauftragte über 830 000 Mark. Wenn sein Honorartopf nicht "massiv" aufgefüllt und die Honorarsätze nicht deutlich erhöht würden, bestehe die Gefahr, dass die Lehrbeauftragten "den Unterricht verweigern oder nur noch Dienst nach Vorschrift schieben".