Was Gregor Gysis angekündigter Rückzug für die PDS bedeutet, kann vielleicht niemand so gut abschätzen wie Reiner Oschmann. Wenn bei dem Pressesprecher der PDS-Bundestagsfraktion das Telefon klingelt, ist es fast immer dasselbe: Egal, zu welchem Thema ein Journalist anfragt, egal, welcher Radiosender ein Statement möchte, egal, ob die Redaktion von Christiansen anruft oder der Talk aus Berlin - immer soll es Gysi sein. Bietet Oschmann Fachleute der Fraktion an, sinkt das Interesse sofort auf null: Wenn Gysi nicht kommt, findet die PDS nicht statt.

Im Oktober will der Fraktionschef sich nicht mehr zur Wiederwahl stellen, im Jahr 2002 sein Bundestagsmandat aufgeben - für die Außenwirkung der PDS eine Katastrophe. Wie kein anderer verkörpert Gysi die Partei

er ist im Osten der größte, im Westen der einzige Sympathieträger. Von den sechs Prozent, mit denen die PDS derzeit in Umfragen rangiert, seien knapp die Hälfte Gysi persönlich zuzurechnen, schätzen einige in der Partei. Wenn im Herbst auch die Amtszeit des Vorsitzenden Lothar Bisky ausläuft, wird die PDS völlig anders aussehen - doch eine völlig andere sein wird sie deswegen nicht.

Denn selbst wenn die Parteispitze in Münster im Streit um UN-Friedenstruppen eine schwere Niederlage hinnehmen musste, ein Triumph der Orthodoxen oder gar ein Richtungswechsel hin zum Dogmatismus war das nicht. Kommunisten und Marxisten, die traditionellen Gegner der Reformer, sind mehr denn je eine Minderheit. Doch zu ihnen gesellten sich auf dem Parteitag zahlreiche Vertreter des Reformerflügels. Am Ende sah sich die PDS-Spitze einer Koalition gegenüber, die sich so in keiner anderen Sachfrage zusammengefunden hätte. Der Vorstand hatte die Stimmung in der Partei völlig falsch eingeschätzt. Gysi wollte der Öffentlichkeit beweisen, dass die PDS zu Realpolitik fähig sei. Doch ein ungeeigneteres Thema hätte er sich dafür nicht aussuchen können. Schließlich war der demonstrative Schulterschluss gegen den Kosovo-Krieg vor einem Jahr identitätsstiftend für die gesamte PDS gewesen.

Die Niederlage auf dem Parteitag ist nicht der Grund für Gysis Rückzug aus der Politik. Aber sie bestärkt ihn darin, an seinem bereits früher gefassten Entschluss festzuhalten. Schon bei seiner Wahl zum Fraktionschef im Herbst 1998 hatte Gysi angekündigt, zur Hälfte der Legislaturperiode aufzuhören.

Nach elf Jahren Politik wolle er auch noch einmal etwas anderes machen. Schon lange klagt er darüber, zu wenig Zeit für seine dreijährige Tochter und sein Privatleben überhaupt zu haben: "Wenn ich bei einer Oper merke, dass ich nach dem ersten Akt immer noch über die letzte Vorstandssitzung nachdenke, dann stimmt in der Birne irgendwas nicht mehr." Gysi ist müde, zermürbt von den Reformgegnern, die zwar wenige sind, dafür aber um so penetranter. Bis zuletzt und noch am Abend der verlorenen Abstimmung in Münster flehten ihn die Genossen aus der PDS-Führung geradezu an, doch weiterzumachen.

Vergeblich.