Über das System Kohl ist inzwischen viel geschrieben worden. Das Buch von Friedbert Pflüger wird man dennoch mit Gewinn lesen. Es ist der ehrliche Text eines Politikers, der Teil und Kritiker des alten Regimes war. Den Zeitgenossen und den Historikern gibt er neue Einblicke in das Innenleben der Macht in der Ära Kohl. Schließlich enthält das Buch vernünftige Vorschläge für die Reform des Parteienstaates.

Der Autor hat das Buch ganz unter dem Eindruck des CDU-Finanzskandals geschrieben. Wie viele in seiner Partei wollte er dessen Ausmaß erst gar nicht glauben. Dann kamen der kurze Versuch, das Ganze als Kampagne der Medien und des politischen Gegners zu verdrängen, das verzweifelte Bemühen um Verständnis ("Natürlich muss ein Ehrenwort gehalten werden"), endlich der Blick in den Abgrund und dann die quälenden Fragen: Wie konnte es dahin kommen, in diesen "moralischen Ruin", in die "selbst verschuldete Unmündigkeit der CDU"?

Pflüger hat keine Abrechnung geschrieben. Auch hat er keinen Grund zu einem nachgeholten Widerstand. Beim Thema Asyl, bei der Reform des Paragrafen 218, während der Kandidatur Steffen Heitmanns zum Bundespräsidenten hat er seine eigene abweichende Meinung durchgehalten. Doch am Anfang war die Verehrung seines Idols. "Maßlos stolz" war der junge RCDS-Vorsitzende, als ihm Helmut Kohl seine Huld und Aufmerksamkeit geschenkt hat, ein "hundertprozentiger Kohlianer".

Dass er Hoffnung und Enttäuschung, Unterwerfung und Ausgrenzung unmittelbar erlebt und nun anschaulich beschrieben hat, das macht den eigentlichen Wert dieses Buches aus. "Und dann sieht man, dass um einen herum die Kollegen, mit denen man 1990 hier angekommen ist, plötzlich Positionen erlangen ... Macht man also etwas falsch? Mit der Zeit nimmt die Kraft zum eigenständigen Denken etwas ab." Und das nicht nur, weil Belohnungen winken, sondern auch, weil die Disziplinierungsmittel greifen, weil üble Nachrede und Intrigen isolieren: "Abends in der Landesgruppe mag keiner mehr neben einem sitzen, man fühlt sich wie ein Aussätziger ..."

So kommt es, dass (fast) eine ganze Fraktion frei gewählter Abgeordneter zu "kleinen Pressesprechern des Kanzlers" wird. Aber es sind nicht immer nur die anderen. Pflüger verschweigt nicht seine Scham und seine Eitelkeiten. Als nach der Wahl von 1994 der Alterspräsident Stefan Heym seine Antrittsrede im Bundestag hält, bleibt er sitzen wie alle anderen von der CDU/CSU auch.

Warum? Weil er sich sonst die "möglichen Jobs für die neue Periode gleich hätte abschminken können". Heute kommt er ins Grübeln: "Wie kann man von Menschen in Diktaturen Mut und Widerstand erwarten, wenn man nicht einmal in der Demokratie dazu in der Lage ist? Wie kann man die Mitläufer in Despotien kritisieren, wenn man schon in einer freiheitlichen Ordnung das gleiche tut?"

Eine gute Frage. Und warum musste er sich nur im März 1997 im Plenum des Bundestages an den Kanzler heranpirschen und ihn bedrängen, doch wieder als Kanzlerkandidat anzutreten?

Es wird noch viel über dieses Thema geschrieben werden. Pflügers Buch wird seinen Platz behalten: als nachdenkliche und informative Bilanz aus der Sicht der politischen Generation, die jetzt früher als erwartet die Zukunft der CDU in ihren Händen hat.

Friedbert Pflüger: Ehrenwort Das System Kohl und der Neubeginn Deutsche Verlags-Anstalt, München 2000 240 S., 36,- DM