Das große Fressen stellt Patrick Wagner sich so vor: Schluckt ein Plattenmulti den anderen, bis weltweit nur noch zwei übrig bleiben.

Heerscharen von Bands werden als Folge der Konzentration arbeitslos oder in Frührente geschickt. Doch statt nun alles unter Kontrolle zu haben, agieren die Riesen wie Frankensteins Monster immer plumper und ferngesteuerter. Chaos bricht aus, Kurse crashen, Umsätze gehen - "bongbongbong" - in den Keller.

Eins zu null für die Kleinen.

Überhaupt hält Wagner die Flexibilität des Großkapitals gemeinhin für überschätzt. Letztlich seien das "stark maschinenhafte Typen", Händlergestalten, die genauso gut Reizwäsche oder Schlauchmuffen verkaufen könnten. Fast unterwürfig kämen sie angekrochen und fragten ihn, woher er nur immer die tollen Bands für sein unabhängiges Label Kitty-Yo rekrutiert. "Dann sag ich: Das sind halt Leute, die kommen rein, und die wollen auch nur zu uns. Die wollen genau nur da hin."

Wer Patrick Wagner gegenübersitzt, begreift schnell, dass es diesem Mann an gesundem Größenwahn zuletzt mangelt. Seine Briefe unterzeichnet er mit "gaG", weil ein Journalist ihn einmal launig "größer als Gott" genannt hat - und meint das nicht nur witzig. Sein Engagement im Musikbusiness betreibt er als ernstes Spiel, bei dem er sich ungern die Butter vom Brot nehmen lässt - auch wenn dort vorerst gar keine ist. Entbehrungsreiche Jahre als so genannter Geheimtipp liegen hinter Kitty-Yo, die ersten drei CDs von Patricks Band Surrogat blieben, von Einzelbegeisterungen abgesehen, ein Fall für Stadt- und Fachzeitschriften. Doch es ist auch okay, sich eine Weile von Kartoffeln und Zwiebeln zu ernähren, wenn es auf Dauer der Sache dient. Mittlerweile starrt alles auf Berlin, hektisch durchleuchten internationale Magazine die Szenen nach vermarktbaren Gesichtern, und Patrick "gaG" Wagner, in den Neunzigern aus der pfälzischen Provinz zugereist, ist bereit, mit seinem Pfund zu wuchern, der Welt das jüngste große Ding zu bescheren - unter einer Bedingung: Es muss Substanz aufweisen, muss was wollen. Deshalb heißt das vierte, auf dem eigenen Label erscheinende Album von Surrogat Rock.

"Gib mir Berlin, gib mir New York, gib mir Wörth am Rhein, gib mir alles" - Rock meint hier tatsächlich ROCK. In Versalien. Mit flammendem Inferno auf dem Cover und knochentrockenen, aber schweißtreibenden Gitarren. Mit monstergroßem Schlagzeug und dem Fuß auf der Monitorbox. Mit echsenhaften Rhythmen und altmodischen Gruppenverschworenheiten, vor allem aber: mit ganz viel Botschaft. Die Band, die sich nach einer eigenen Songzeile Surrogat nennt - und neben Wagner aus der Drummerin Mai-Linh Truong und dem Bassmann Tilo Schierz-Crusius besteht -, klingt auf Platte genauso maximalistisch vermessen wie ihr Sänger im Leben, während sich im Hintergrund halb vergessene Imperative drehen: Nimm keine Gefangenen! Play it loud! We want the world and we want it now! Nur selten geht es einen Gang kleiner: "Ich will Geld nicht wollen müssen" oder, markerschütternd geschrien: "Ich vermiss dich". Vielleicht gibt es für das Echte keinen Ersatz, aber man muss es zumindest versuchen. Surrogat arbeiten an der Wiederkehr des Verpönten.

Nichts nämlich war bis vor kurzem verpönter in Avant-Kreisen als schnöder Rock. Rock - Idiom für Minderbemittelte, Provinzler, 19. Jahrhundert, als alles noch im Schweiße des Angesichts erschuftet wurde. Hallo, Ruhrgebiet, hallo, Braunkohlekumpel. Kein Lebensmusikstil jedenfalls für den Bohemien von Welt, mochten Tausende von Bands in ihren Proberäumen auch immer noch Smoke On The Water nachspielen.