Der Mittelstand muss von Akademikern erst noch erobert werden

Eigentlich war Alfred Krätzschmar ein Bilderbuchkandidat für jeden deutschen Großkonzern: Diplombetriebswirt, promoviert und auch noch mit Lehrerfahrung als Assistent an der Universität Bayreuth. Doch anstatt sich bei einem der bekannten Unternehmen zu bewerben, heuerte er 1995 lieber bei einem mittelständischen Betrieb der Baunebenbranche als Assistent der Geschäftsführung an. Damit aber gehört er zu einer Minderheit unter den Hochschulabsolventen. "Die meisten bevorzugen den Start in einem großen Unternehmen", bestätigt Professor Hermann Simon, Unternehmensberater und Autor des Buches Hidden Champions, das deutsche Mittelständler porträtiert, die am Weltmarkt spitze sind. Bei ihrer Entscheidung ließen sich die jungen Akademiker, so Simon, nicht nur von großen Namen und einem hohen Einstiegsgehalt blenden. Erstaunlicherweise glaubten sie auch, die Jobs bei den Großen der Wirtschaft seien sicherer.

Doch die Realität sieht anders aus. Während in Deutschland Großunternehmen und Konzerne zwischen 1996 und 1998 422 000 Stellen abbauten, schufen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) 46 000 neue Jobs. Und in der Europäischen Union tragen Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern und weniger als 40 Millionen Ecu Umsatz nicht nur 56 Prozent zum Bruttosozialprodukt bei. Sie beschäftigen mit 66 Prozent immerhin zwei Drittel aller Arbeitnehmer in der Union. Beeindruckende Zahlen, über die natürlich auch an den Universitäten diskutiert wird. Doch kaum ein Hochschulabsolvent nutzt solche Statistiken für seine Karriereplanung.

Dabei gibt es nach Ansicht von Unternehmensberater Simon viele Gründe, die für einen Karrierestart im Mittelstand sprechen: Berufsanfänger könnten dort schneller Verantwortung übernehmen und eigene Ideen verwirklichen als im Großunternehmen. Attraktiv sei auch die schnellere Rückkopplung der eigenen Leistung: "In einem kleinen Unternehmen sieht der Mitarbeiter die Ergebnisse seiner Arbeit und hat nicht das Gefühl, nur ein kleines Rädchen im Getriebe zu sein."

Das sieht auch Alfred Krätzschmar so. Bereits nach acht Monaten als Assistent der Geschäftsführung wechselte er als Hauptabteilungsleiter Finanzen, Steuern und Rechnungswesen zu NKD, einem Textilhandelsbetrieb in Familienbesitz: "Es war mutig von NKD, mich einzustellen", sagt der inzwischen 36-Jährige. "Ich war zwar gut ausgebildet, hatte aber nur wenig Berufserfahrung."

Er schätzt die Breite seiner Aufgaben, den engen Kontakt zu den Kollegen und die Effizienz der Arbeit: "Hier gibt es weder normierte noch eingelaufene Wege", sagt er. "Man trifft sich in der Kantine und spricht ab, wer was erledigt. Das Schöne dabei ist, dass niemand auf seinem Zuständigkeitsbereich beharrt." Allerdings müsse die Toleranz gegenüber Einmischung, die Fähigkeit, Kritik anzunehmen, in einem familiengeführten Betrieb größer sein: "Es kann immer passieren, dass die Familie sich einmischt. Damit muss man umgehen können."

Warum er sich in einem großen Konzern weniger wohl gefühlt hätte, glaubt Krätzschmar zu wissen: "Ich mag die Anonymität nicht. Und ich hasse Bürokratie. Ich weiß, dass ich damit auf Dauer nicht umgehen kann." In großen Unternehmen, so glaubt er, würden "auch Banalitäten zu Vorstandsvorlagen", während er vieles mit seiner Chefin schon mal einfach so auf dem Flur bespreche. "Außerdem ist es gerade in einem Familienbetrieb sehr einfach, gute Ideen durchzusetzen. Man muss nur beweisen, dass es sich rechnet. Das ist Shareholder-Value-Orientierung in ihrer ausgeprägtesten Form. Denn der einzige Shareholder ist der Chef."