Vielleicht sollte man sich für den Rest des Bach-Jahres darauf einigen, auf Unterwerfungsrituale zu verzichten. Dem "Genie, das uns noch heute in Ehrfurcht und Demut erschauern lässt", wie es der Geiger Andrew Manze formuliert, wird es recht sein, wenn Musiker privat erschauern und öffentlich einfach möglichst gut spielen. Manze ist der Respekt derart ins Mark gefahren, dass er sich klanglich ganz klein macht auf den zwei CDs mit allen Sonaten, die Bach für Violine und Cembalo schrieb - zusätzlich denen, die ihm zugeschrieben werden.

Wenn Kunst polarisieren soll, dann ist dem britischen Barockgeiger das vortrefflich gelungen (Harmonia Mundi USA, 907250.51). Denn entweder feiert man seinen spröden, blassen, verschwindenden Ton und seine Kunst, auch drängende Achtel statisch zu spielen (BWV 1014, 4. Satz) und Doppelgriffe zu verdünnen (BWV 1018, 3. Satz) als Errettung vor der Sinnlichkeit dieses Komponisten, als Entdeckung werkimmanenter Demut. Oder man ärgert sich über verschenkte Möglichkeiten. Wozu es umso mehr Anlass gibt, als Manzes Blässe sich keineswegs technischen Defiziten verdankt. Er will es so.

Symptomatisch ist das Preludio von BWV 1023, ein Prunkkästlein für Geiger, zu dem der Cembalist improvisierend schwelgen darf, weil Bach seinen Part nicht auskomponiert hat. Doch Richard Egarr schlägt nur den Grundton als Glocke, und darüber bittet der Geiger flüsternd "die Gläubigen zum Gebet" (Manze).

Das ist freudlos. Immerhin gibt es Lichtblicke wie die schönen Verzierungen im 4. Satz von BWV 1015 und den Kanon davor. Überzeugende Überraschung ist ein kleines Glissando in BWV 1016.

Grundsätzlich neu in dieser Aufnahme sind Cello und Gambe (Jaap ter Linden), die in einigen Sonaten den Bass verstärken und der Balance wohl täten, wäre der Geiger nicht so leise. Am leisesten spielt er, was immerhin dialektischen Sinn hat, den Beginn der sonst so massiven Orgeltoccata d-Moll, vom Solisten in a-Moll für Geige gesetzt. An der Demut gegenüber Bach kann es dieses Mal nicht liegen. Laut Manze ist das Original nämlich "eindeutig nicht von Bach".

Ein alter Hut, den die Bach-Forschung längst wieder weggehängt hat. Die Toccata ist tatsächlich von Bach. Auch wenn der sich nach dieser Version vielleicht wünschte, es wäre nicht so.