Es gibt augenscheinlich ein neues Genre in der jüngsten deutschen Literatur: die möglichst rasant entworfene Geschichte, der Roman mit verblüffendem, manchmal sogar spannendem "Plot" - aber alles schludrig geschrieben, hurtig, ohne stilistische Sorgfalt, holterdiepolter dahingefetzt, in der Eile schiefe Bilder entwerfend und falsches Deutsch präsentierend. Wolfgang Hilbigs Das Provisorium, von meinen Kollegen hochgepriesen, ist zum Beispiel so ein Buch der Stilblüten à la "die beißenden Gewässer des Ursprungs in den Augen" und der Platituden ("Es regnete Bindfäden"), die man keinem Reisejournalisten durchgehen ließe

"Wahrhaftigkeit" wird mit Wahrscheinlichkeit, sicher mit sicherlich verwechselt. Ein sprachlich weitgehend missglückter Roman.

Die hübsche Geschichte nun, die der ansonsten in seinen Texten stets sorgsame und von mir geschätzte Klaus Schlesinger mit Trug vorlegt, ist ein weiteres Beispiel. Die Story - der einst per Fluchthilfe der DDR Entronnene, nun in Düsseldorf westlich Adaptierte, der durch perfiden Zufall in die eigene Ost-Berlin-Vergangenheit zurückkatapultiert wird - ist von spielerischer Vertracktheit, nicht ohne traurigen Humor ein anderes Mal das Ost-West-Schachspiel in verwirrend-seltsamen Zügen variierend. Nur scheint Schlesinger so verliebt in die Choreografie seiner kleinen Unheimlichkeiten (gewesen) zu sein, dass er Sprache, Stil, die Balance der Wörter und Sätze vollkommen außer Acht gelassen hat.

Fast frappant, wie er den Leser mit nachlässig gesetzten Attributen - "die ausgesprochen leuchtenden Augen"

"sagte er mit aufrichtigster Stimme"

"er sah dem Anderen mit tiefstem Blick in die Augen"

"schoss Blicke aus den Augenwinkeln" - missachtet. Wer nicht bereit ist, rasch und auf "Handlung" versessen deren Sprüngen und Überraschungen nachzuzappen, sondern einen Text zuerst einmal nach seiner literarischen Valeur beurteilen will, muss sich verwundert fragen: Was ist "eine Frau mit reifer Figur"