Seit zehn Jahren leitet Ingke Brodersen den Rowohlt Berlin Verlag, einen der besten, profiliertesten deutschen Verlage. Eine Verlegerin aus Leidenschaft, die dem Berliner Rowohlt-Ableger besonders mit ihrem Osteuropaprogramm, mit Autoren wie Péter Nádas, Imre Kertész, Andrzej Stasiuk, Alexandru Vona, Dzevad Karahasan ein unverwechselbares, überzeugendes Gesicht gegeben hat.

Ingke Brodersen verlässt Rowohlt, einvernehmlich, aber aus Protest gegen die Eingriffe in ihr Programm durch die Verlagsleitung des Reinbeker Mutterhauses. Eingriffe, die in Reinbek für kaufmännische Petitessen gehalten werden, wie sie bei einem, sagt Verleger Nikolaus Hansen, derartig "hoch defizitären Programmteil" unvermeidlich seien. In Berlin erblickt man darin den Anfang einer kopflosen Instantverlegerei, die für den schnellen Erfolg die Verlagsseele verkaufe. So kann beispielsweise ein schon übersetzter und lektorierter Roman von Andrzej Stasiuk, einem der literarisch interessantesten jungen Polen, zur Buchmesse nicht mehr erscheinen. Auch die Paar-Reihe, in der berühmte Liebespaare porträtiert wurden, wird eingestellt.

Das Reinbeker Mutterhaus, dessen Gesicht nach diversen schönheitsoperativen Eingriffen seinerseits ein wenig ramponiert ist, will für seine Berliner Tochter nun ein "neues Profil entwerfen", hauptstädtisch, jung, zukunftsnah.

Erfolgversprechende Markenartikel sollen den Verlag wieder in die schwarzen Zahlen treiben. Die weitgehende editorische Eigenständigkeit des renommierten Verlages ist damit beendet.