Daniel Cohn-Bendit: Viele Menschen werden mit den gegenwärtigen Entwicklungen in der Wirtschaft nicht fertig. Sie fragen, wie das auch mein Sohn getan hat, warum die Banken überhaupt fusionieren wollten, warum Vodafone Mannesmann übernommen hat, wie viel Geld eigentlich die entlassenen Arbeiter bekommen.

Warum ist es nicht möglich, eine gesellschaftliche Diskussion zu führen, in der die Wirtschaft nicht nur sagt, "das ist rentabel, deshalb muss es sein" und grün-linke Politik nicht nur äußert: "Das ist schädlich, deshalb muss man es abschaffen."

Hilmar Kopper: Die Diskussion ist vorbefrachtet mit fertigen Urteilen, mit Vorurteilen. Im Zuge der Übernahme von Mannesmann durch Vodafone gibt es nicht einen einzigen Arbeitslosen. Es geht um einen globalen Wettlauf. Sie können sagen, das ist ein Stück Darwinismus, survival of the fittest. Wenn Sie sich in diesem Wettlauf nicht richtig aufstellen und nicht alles das tun, was Sie glauben, tun zu müssen, um Ihrer unternehmerischen Verantwortung nachzukommen, nämlich den Bestand Ihres Unternehmens und damit die Beschäftigung zu sichern, fallen Sie zurück.

Cohn-Bendit: Wer nicht fit ist, wird wegrationalisiert. Die Wirtschaft sagt oft, das reguliert der Markt, und der hat eine innere Intelligenz. Die Geschichte des Kapitalismus zeigt aber, dass der Markt gerade nicht reguliert. Der Markt kam nie auf die Idee, die Kinderarbeit abzuschaffen. Der Markt denkt nicht gesamtgesellschaftlich, sondern natürlich mit dem Egoismus und der Durchsetzungsfähigkeit der eigenen Firma.

Nun machen die Linken traditionell einen Fehler: Sie verteufeln den Markt, als würden die Interessen aller durch staatliche Regulierung am besten vertreten. Das glaube ich nicht, denn der Markt ist eine Möglichkeit, auch individuelle Energien zu entwickeln. Andererseits sehen die Unternehmen, die Kapitalisten, die Manager nicht, dass der Markt an und für sich kein Interesse an sozialer Gerechtigkeit hat.

Kopper: Markt ist ein Synonym für Wettbewerb. Wettbewerb aber ist keine Veranstaltung für die Produzenten, sondern für die Konsumenten. Staatlich geplante Ökonomie funktioniert nicht. Wenn die Fitteren diejenigen schlucken, die zurückgeblieben sind, ist das Wettbewerb im Interesse der Kunden.

Es geht nicht darum, dass etwas vernichtet wird. Zurzeit erleben wir eine Welle. Viele glauben, groß sei schön. Ich weiß gar nicht, ob das so stimmt.