Als Markus Wolf am 27. April 1972 in seinem Berliner Büro die Ereignisse im Bundestag via Westfernsehen verfolgt, ist er allein. "Ohne Triumph" vernimmt der Chef der DDR-Auslandsspionage das knappe Abstimmungsergebnis, wonach der SPD-"Friedenskanzler" im Amt bleibt. Zumindest der CDU-Abgeordnete Julius Steiner hatte 50 000 Mark von Wolfs Geheimdienst dafür erhalten, gegen den Misstrauensantrag seiner Fraktion zu stimmen. Nur als der Kanzlervertraute und DDR-Spion Günter Guillaume kurz auf dem Bildschirm erschien, habe er "geschmunzelt", sagt Wolf heute.

Tatsächlich waren Eingriffe ostdeutscher Agenten in die westdeutsche Parteienlandschaft während 40 Jahren DDR viel mehr klassenkämpferische Regel als schillernde Ausnahme: Allein 20 000 bis 30 000 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) mit bundesdeutschem Pass führte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) unter Minister Erich Mielke für die Unterwanderung von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. 120 ehemalige Mandatsträger in Parteien und Parlamenten sind enttarnt, darunter acht Bundestagsabge ordnete und zwei Europaparlamentarier.

Nichts wollte Mielke dem "Zufall" schlichter Politik überlassen. Das zeigt Hubertus Knabe, der Mitarbeiter der Gauck-Behörde, in seinem Buch Die unterwanderte Republik. Stasi im Westen. 1958 etwa erledigte die Observationsbehörde den Berliner FDP-Politiker Carl-Hubert Schwennicke mit einer beispiellosen Mobbing- und Rufmordkampagne: Weil er einen SED-kritischen Kurs fuhr, galt der Landesvorsitzende als "untragbar". Mit Intrigen eines aus Dresden eingeschleusten Gegenspielers und der Lancierung von kompromittierenden Briefen ekelten sie den Mann aus der Partei. Im Dezember 1958 erreichte der Desavouierte mit seiner Neugründung FVP bei den Abgeordnetenhauswahlen gerade mal 0,7 Prozent der Stimmen.

Die Schwennicke-Aktion "Klarheit" wurde abgelöst von "Feuer" (gegen Berlins Regierenden Bürgermeister Willy Brandt), von "Neo" (für ein NPD-Verbot) oder von "Schwarz" (Ende der Siebziger: Vertiefung parteiinterner Gegensätze der Union). Bis weit in die sechziger Jahre wechselten die "Aktiven Maßnahmen" (Stasi-Jargon) zudem mit Pressekonferenzen des ZK-Sekretärs Albert Norden zur vermeintlichen oder tatsächlichen Nazivergangenheit westdeutscher Parteipolitiker. Der Propagandasekretär ließ für seine Recherchen in der DDR gebunkerte NS-Akten selektiv durchforsten und mitunter verfälschen.

Die Westparteien-Arbeit des MfS war ein enges Zusammenspiel von Wolfs Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) und ihren Abteilungen II (Spionage in Parteien) und X (Aktive Maßnahmen) sowie der Stasi-Hauptabteilung III (Abhörmaßnahmen). Während die Schlapphüte von Wolfs Abteilung II Informationen lieferten über Vorgänge in Parteien und Politik, entwickelten die knapp 60 Mitarbeiter der Abteilung X daraus Schlachtpläne

zum Beispiel journalistische Beiträge für westdeutsche Zeitungen oder Enthüllungsbücher.

"Entscheidendes Grundprinzip" sei es, erklärte 1986 Abteilungsleiter Rolf Wagenbreth seinen Spionagelehrlingen in Belzig, "Dichtung und Wahrheit richtig zu dosieren". Dazu ermittelte Mielkes Horchgruppe Personendossiers zu Politikern, die für eine "operative Nutzung" geeignet schienen. In einer Anklage gegen den ehemaligen Leiter der Horcher, Horst Männchen, präzisierte die Generalbundesanwaltschaft 1993: Unter Zielkontrolle standen vor allem Menschen, bei denen sich "missliche finanzielle Situation, außereheliche Intimbekanntschaften und abnormes Sexualverhalten" beobachten lassen. Sie schienen gut für eine Anwerbung als "Quelle" - durch Erpressung oder Bestechung.