Stolz stellt der Chef des Reichssicherheitshauptamtes in gemütlicher Runde die bürgerlichen Berufe seiner Offiziere in den Einsatzgruppen vor.

"Rechtsanwalt, Arzt, Wirtschaftsexperte, Opernsänger", zählt Heydrich auf und legt eine Kunstpause ein. "Und hier ist unser Prachtstück - Standartenführer Biberstein, ehemaliger lutheranischer Pastor."

"Biberstein!" ruft Heydrich scherzend, "erzählen Sie uns doch mal von dieser Organisation, die Sie gründeten, als Sie die Kanzel verließen. Wie hieß sie noch?" Biberstein, auf einmal im Mittelpunkt, errötet. ",Die Bruderschaft der Liebe'", antwortet er. "Und wie hat sie sich bewährt?" frotzelt einer der SS-Männer. "Leider sehr schlecht", antwortet Biberstein gequält, "deshalb bin ich ja auch bei der SS gelandet." "Das Evangelium verbreiten, was, Biberstein?" höhnt die Männerrunde. "Ach, das ist hier gar nicht nötig", versucht Biberstein den Schulterschluss, "hier sind wir alle Bekehrte zu einem neuen Glauben."

Ein evangelischer Pastor im engsten Kreis der SS, der Eliteorganisation der Nationalsozialisten, deren Mitglieder Millionen von Menschen umbrachten - diese Szene stammt aus Gerald Greens Roman Holocaust, der durch seine Fernsehverfilmung weltbekannt wurde. Ein Geistlicher im Zentrum des Unmenschlichen? Eine Fiktion, denkt man.

Die Szene in Greens Roman basiert jedoch auf Fakten. Der Romanfigur liegt das Leben Ernst Bibersteins zugrunde. Vor 1941 hieß der SS-Mann Ernst Szymanowski. Der evangelische Pastor und Propst von Kaltenkirchen änderte seinen Namen, weil er ihm zu "polnisch" erschien, wie er sagte, er aber ganz und gar ein deutscher Nationalsozialist sein wollte.

Der Lebensweg des Ernst Szymanowski von der Kanzel in die Tötungsmaschinerie - sicherlich ein extremes Beispiel - lehrt, dass Kirchenmänner keineswegs durch Amt, Würden und Bibelkenntnis vor dem Naziwahn gefeit waren. Auch wenn sie nicht so konsequent wie Biberstein Sympathie in Überzeugung und Überzeugung in blankes Morden umsetzten, so glaubten viele von ihnen doch heißen Herzens an den Führer und sein neues Reich und predigten gegen Juden und andere Untermenschen.

Geboren am 15. Februar 1899 in Hilchenbach im Kreis Siegen, hatte Szymanowski nach der Schulzeit zwei Jahre lang als Soldat im Ersten Weltkrieg gekämpft.