Seattle II: Unter diesem Banner hat sich zum Frühjahrstreffen von Weltbank und IWF in Washington jene unheilige Allianz von Gewerkschaftern und Umweltschützern versammelt, die im vorigen Jahr die Innenstadt von Seattle aufgemischt hat. Über 200 Gruppen sind aufmarschiert, darunter auch jene Schwarzvermummten, die fürs Wochenende nicht bloß Rock-Konzerte und Teach-ins planen.

Sie wollen sich für Dritt- und Umwelt prügeln, als Feinde haben sie Freihandel und Globalisierung ausgemacht. Doch dass üble Mittel den scheinbar guten Zweck entheiligen, ist nicht das einzige Problem. Auch nicht, dass bei Big Labor egoistische Interessen - die Konkurrenzabwehr - hinter den fürsorglichen Parolen für die Arbeiter in Asien und Afrika stehen. Das wirkliche Problem? Die Wut auf den Welthandel hilft weder den Armen noch den Arten.

Ernesto Zedillo von Mexiko, der Präsident eines klassischen Schwellenlandes, hat den Protestlern sarkastisch vorgeworfen, dass sie die "Entwicklungsländer vor der Entwicklung retten wollen". Die Fakten geben ihm Recht. Wer sind denn die Zurückgebliebenen? Myanmar, Nordkorea, Syrien, diverse zentralafrikanische Staaten. Sie sind nicht Opfer der Globalisierung, sondern der Selbstisolierung. Dagegen lehren die letzten drei Dekaden: Je mehr sich ein Land dem Welthandel öffnet, desto schneller prosperiert es - siehe China, Indien und die "Tigerstaaten". Die zweite Lehre: Wer reich wird, beginnt sich um die Umwelt zu kümmern. Ein klassisches Beispiel ist Israel, wo "Umweltschutz" vor 20 Jahren ein Unwort war. Jetzt, da sein Pro-Kopf-Einkommen den unteren EU-Durchschnitt erreicht hat, überzieht ein dichtes Gewebe von Ökogesetzen das Land - nach dem abgewandelten Brecht-Zitat: Erst kommt das Fressen, dann die Umwelt-Moral. In den Worten Zedillos: "Weil Handel Wirtschaftswachstum begünstigt, verschafft er auch die notwendigen Mittel zum Erhalt der Umwelt."

Eine beliebte Behauptung besagt, die Globalisierung verschärfe die Ungleichheit zwischen Dritter und Erster Welt. Die Statistiken der Weltbank besagen das Gegenteil: Nach Auftritt dieses "Beelzebubs", seit Beginn des Freihandelstrends in den achtziger Jahren, sinkt die Ungleichheit zum ersten Mal seit 200 Jahren. Die Zahl der ganz Armen, die mit weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, hat sich zwischen 1987 und 1998 fast halbiert.

Man darf es auch simpler ausdrücken: Mit Ausnahme der stalinistischen Sowjetunion hat noch kein Land durchstarten können, das sich Handel und Fremdinvestition verweigert hat. Und die ausbeuterischen Multinationals?

Deren Löhne - Beispiel Türkei - liegen ein Viertel über dem heimischen Durchschnitt.

Schlicht ist die Moral von der Geschicht: Wenn die Reichen den Armen helfen wollen, müssen sie sich selbst öffnen. Doch gerade bei den Produkten, mit denen die Dritte Welt den größten Wettbewerbsvorteil hat, riegeln wir uns ab: bei Agrar und Low Tech. Schlimmer noch ist Protektionismus im Gewande der Fürsorge. Sein Name sei Heuchelei.