Heute lernen wir: Das Leben eines Feinschmeck-Kolumnisten hat auch Härten. Zum Beispiel den Besuch von Weinmessen: Bus fahren, Wein trinken, Winzerköniginnen küssen, Käse essen, Papier schleppen. Und dann taucht plötzlich ein japanischer Messermann auf ...

Weinmessen sind wie Orkane: Sie haben Namen, und sie kündigen sich an.

Zuerst erkennt man eine Gelbfärbung am Horizont. Das ist der Briefträger, der sich mit Broschüren und Prospekten abschleppt, die alle den Wein zum Thema haben. Das ähnelt den ersten Böen, die einem Sturm vorausgehen.

Der letzte Orkan hieß ProWein 2000 und tobte in Düsseldorf. Davor traf es Straßburg, wenn auch weniger hart, weil in der dortigen Messehalle nur 400 Winzer und ihre potenziellen Kunden herumwirbelten, während in Düsseldorf ein Bustransfer zu den Parkplätzen nötig war.

Als die stolzen Selbstdarstellungen der Weingüter und Händler den Briefträger in die Knie gezwungen hatten, verbarrikadierte ich meine Kellertür und steuerte das Auge des Orkans an. Es zeigte sich, dass er mehrere Augen haben kann. Fünfzehn waren es laut Plan bei der ProWein, fünfzehn Hallen voll Winzer mit ihren Flaschen, und an jeder Hallentür musste ich eine Weinkönigin küssen.

Es waren dann etwas weniger, und nicht nur Winzer stellten sich vor und ihre Produkte aus, sondern auch Großkellereien, Winzergenossenschaften, Glashersteller, Schnapsbrennereien, Korkenzieherfabrikanten, Fachverlage und vermutlich auch Reedereien, an deren Schiffen schon mal eine Champagnerflasche zerschmettert wurde.

Von der Intimität des Straßburger Winzertreffs war in Düsseldorf nichts zu spüren und zu sehen. Alles war groß und glänzte, nicht zuletzt die Augen der Besucher nach der zehnten Degustation. In Straßburg konnte man an Ort und Stelle einen oder mehrere Kartons Wein zum Auto karren, in NRW schleppte sich der Messebesucher bestenfalls mit Prospekten ab, die bei ihm zu Hause ohnehin den Briefkasten verstopften.