Itzehoe, Ontario, Kaunas, Stockholm, Görlitz - manchmal ist die Lektüre der Provenienz der Bilder einer Ausstellung schon die halbe Geschichte. Dazu dann noch ein ungewöhnlicher Leihgeber. In diesem Fall ist es der Ausstellungsmacher selber, Jean Clair, dessen Namen man neben der (Faksimile-)Ausgabe von Alexander von Humboldts Ansichten der Natur entdeckt.

Cosmos - der Kunsthistoriker und Ausstellungsmacher Jean Clair hat sich mit Alexander von Humboldt den, so sagt er es selber, letzten Enzyklopädisten zum Schutzheiligen und Stichwortgeber geholt für eine Ausstellungsexpedition, die hinter Kunst und Wissenschaft noch einmal jenes Sublime oder Numinose sichtbar zu machen sucht, das dem vergangenen 20. Jahrhundert so glatt abhanden gekommen ist. Von Humboldt zu Hubble heißt Jean Clairs Essay, mit dem er den Katalog einleitet, und dieser Titel, der den forschenden Universalisten verbindet mit dem Spezialisten, dessen Name mit einem Forschungsgerät identifiziert wird, schließt die Frage mit ein, wo denn im Weltraum, der inzwischen zum Ausflugsort wurde, den wir aber beim Abendspaziergang immer noch am gestirnten Himmel vermuten, der Kosmos eigentlich geblieben ist.

Mit schönen und seltsamen Fundstücken aus großen Häusern und entlegenen Museen, obskuren Sammlungen, Bibliotheken und naturwissenschaftlichen Instituten hat Jean Clair, der 1989 zusammen mit Cathrin Pichler in der Ausstellung Wunderblock - eine Geschichte der modernen Seele ein neues Ausstellungsgenre fand, Spuren in einem noch weitgehend unerforschten Land markiert. Wobei es noch einen Assistenzpaten der Ausstellung gibt, der allerdings im italienischen Katalog überhaupt nicht genannt wird, im kanadischen Katalog (die Ausstellung hatte ihre Premiere im vergangenen Jahr in Montreal) nur in der ausgewählten Bibliografie vorkommt und in den Textbeiträgen ganz unter den Tisch fällt. Es ist der amerikanische Kunsthistoriker Robert Rosenblum, dessen 1975 publiziertes Buch Modern Painting and the Northern Romantic Tradition eine völlig neue Geistesgeschichte der Malerei der Moderne entwickelte. Von Friedrich zu Rothko lautet der Untertitel, und die glänzend und spannend beschriebene Reise, eine Winterreise sozusagen, geht von Dresden nach New York, ohne Halt in Paris.

Mit dem Prolog seiner Ausstellung, den Entwürfen der herrischen Phantasiearchitekturen von Etienne Boullée, gewidmet Sir Isaac Newton, dem Formulierer der Axiome von Raum und Zeit, beginnt Jean Clair durchaus in Paris und bei dem Glauben an die Rationalität. Aber nur, um desto wirkungsvoller im nächsten Kabinett mit den Romantikern Friedrich und Johan C. Dahl die viel weitreichendere Herausforderung des Menschen zu postulieren, die Konfrontation des Individuums mit der Natur, deren Schönheit und Schrecken er nicht kalkulieren kann, die ihn entzückt oder ängstigt, erhebt oder zerstört. Das Nebeneinander von Dahls Panorama eines kleinen, nördlichen Hafens und Friedrichs Abendlandschaft mit zwei Männern ist dabei der Beginn einer unfreiwilligen Zweiteilung, in der die Kunst und schließlich die Ausstellung sich immer wieder selbst kommentieren. Dahl zeigt ein biedermeierliches Paar, das, im Spaziergang innehaltend, am Rand einer kleinen Bucht steht. Es schaut auf das Wasser unterm verwölkten Himmel, auf Netze, ein abgetakeltes Boot. Friedrich, von dem der Freund Dahl wohl die ein sehnendes Sehen befördernde Rückenfigur übernommen hat, zeigt zwei männliche Gestalten, die auf festem, braunem Boden stehen und wie gebannt scheinen von dem Abendrot, in das sie hineinblicken und das sich in einer unendlichen Landschaft verliert. Dahl illustriert eine Szene, und sie bleibt bei sich selber. Friedrich illuminiert sie, und sie weitet sich zur Metapher.

Ähnliches gilt für den Schweizer Landschaftsmaler Caspar Wolf und für William Turner, auch sie in einem Raum zu sehen. Bei Wolfs Darstellung des Grindelwaldgletschers wird die Distanz zwischen der gigantischen Natur und dem winzigen, aber in keinem Moment gefährdeten Menschen genau beschrieben.

Aber es ist die Dramatik eines Bilderbuchblatts für Erwachsene. Wohingegen Turners Sonnenaufgang und Sonnnenuntergang helle, halluzinatorische Träume und Albträume sind, jenseits jeder Erzählung. Schade, dass die unendlichen Wetter- und Wolkenstudien gerade der englischen Künstler (allein von Constable gibt es eine ganze Serie variierender Kopien zu Alexander Cozens Zeichnungen der Wolkenbewegungen) hier nur in anekdotischen Stichproben gezeigt werden. Sie hätten nämlich der Emotion und Empfindung einen sehr angelsächsisch-empirischen Hintergrund gegeben.

"Die Größe der Dimension ist ein starker Grund des Sublimen", schrieb der englische Politiker, Philosoph und Schriftsteller Edmund Burke, der seinerseits mit dem Essay Philosophical Enquiry in the origin. Our Ideas of the Sublime and the Beautiful (1757) den großen, romantischen Grund legte für die Abkehr von der Aufklärung. Der schier endlose, allerdings nicht nebulos verwölkte, sondern klar ausbuchstabierte Raum ist es, den die amerikanischen Landschaftsmaler Thomas Cole, Thomas Moran, Frederic Church und Albert Bierstadt in Breitwandbildern darstellen, die auch ein Teil Pionierarbeit sind, die ehrfurchtsvolle Feier des promised land durch die Kinder der Entdecker und Siedler. Im Palazzo Grassi hängen sie, Wände füllend, in einem Raum mit dem wunderbaren Bild von Eduard Enders, das Humboldt und Bonpland mit ihren exotischen Funden und westlichen Geräten am Fuß des Chimborazo im Urwaldatelier zeigt. Im kleinen Kabinett neben dem großem Saal dann das gleiche Phänomen der überwältigenden Naturgröße, dokumentiert auf den kleinen Fotos der frühen amerikanischen Landschaftsfotografen Timothy O'Sullivan, William Jackson oder William Bell. Das Staunen des Miniaturmenschen in der oder vor der Maximalnatur ist in diesen bräunlichen Abzügen noch heute zu spüren. Wie langweilig sind dagegen die Nasa-Aufnahmen von der pickeligen Mondoberfläche. Wie doppelt langweilig, wenn man die sorgfältigen, schönen Pastellzeichnungen Etienne Trouvelots aus dem Jahr 1874 sieht, Saturn mit seinen Ringen und die Milchstraße zum Beispiel.