Die CDU wagt einen großen Schritt, ob sie sich dessen voll bewusst ist oder nicht, sogar unabhängig davon, ob sie ihn wirklich will. Ohne die Spendenaffäre samt ihrem Folgedrama hätten die Christdemokraten diesen Anfang nicht geschafft: eine Frau aus dem Osten, von der man so viel gar nicht weiß, an die Spitze zu wählen.

Hinter diesen Abschied von der alten Welt führt so leicht nichts mehr zurück, nicht einmal das Arrangement mit dem Mann, der sie in ihren Stärken wie in ihren Schwächen verkörpert, Helmut Kohl. Angela Merkel schafft die Welt nicht neu. Die CDU hat sich in Essen bei ihrem Parteitag nicht einfach gehäutet, sie hat auch kein präzises neues Programm herbeigezaubert. Und dennoch hört man neugierig hin. Einmal, weil die beiden Volksparteien einander ja wirklich brauchen. Zum anderen aber, weil die politische Bühne beinahe leer gefegt worden ist und es damit Platz gibt für eine andere Inszenierung.

Die neue Vorsitzende weiß, dass sich die Positionen von CDU und SPD in vielen Fragen überlappen. Prinzipielle Differenzen zu Schröder lassen sich auch nicht aus Gründen der besseren Unterscheidbarkeit einfach behaupten. Man nähme denn das Risiko in Kauf, dass die Union ins Rechtspopulistische abgleitet. Tendenziell sind es aber geradezu sozialdemokratische Töne, die man zu hören bekommt: die Marktwirtschaft, die nicht ignoriert, wem sie dienen soll

skeptische Fragen zu Großfusionen

Regeln für die internationalen Geldmärkte

wenn das die Merkel-Melodie wird, könnte daraus ein intelligenterer Wettstreit um eine Mitte-links- oder Mitte-rechts-Politik werden als mit Jürgen Rüttgers Kinder-statt-Inder-Kampagne. Im Streit um die notwendige Moderne haben sich alle Seiten zu lange verkrampft.

Kulturelle Kapitalismuskritik mit einem Hauch vom "demokratischen Aufbruch", verkoppelt mit der CSU-Haltung, wonach die Ökonomie nicht einfach zulasten der Kleinen gehen dürfe: Damit hat man eine zarte, neue Ost-Süd-Melange der beiden Unionsparteien vor Augen. Für den Augenblick sieht man das mit einiger Hoffnung. Angela Merkel verlangt zwar eine Debatte über Europa, ist aber der Verführung zum Glück nicht erlegen, aus taktischen Gründen auf europaskeptische Ressentiments zu schielen. Spitze in der Gentechnologie, um auch Spitze zu sein in der ethischen Debatte über die neuen menschlichen Grundfragen: Noch sind all das Formeln. Aber der Blick geht in die richtige Richtung. Und dorthin weist auch manches, was die CDU samt ihrer Lady Unbefangen an der Spitze zu sagen unterlassen hat. Doch, das ist ein Anfang. Und dabei war von dem spürbaren Ost-Erwachen, das auch Angela Merkel so nebenbei ausdrückt, noch gar nicht die Rede.