Als ich letztes Mal über das Gefängnis von Wladimir schrieb, vergaß ich zu sagen, dass dort ein besonderer Geruch herrscht, der vielleicht schlimmer ist als alles andere. Gerüche vergisst man nicht. Es war ein Geruch von erzwungener Sauberkeit, schlechtem Essen, ungewaschenen, verzweifelten menschlichen Körpern.

Überhaupt hat Russland ein selten gleichgültiges Verhältnis zu schlechten Gerüchen, die als unvermeidlich betrachtet werden. In Wladimir gibt es ein Amerikanisches Haus, wo junge amerikanische Lehrer der örtlichen Bevölkerung Englisch beibringen. Als ich den Unterrichtsraum betrat, schlug mir scharfer Schweißgeruch entgegen. Warum bitten Sie Ihre Schüler nicht, sich zu waschen? Die Lehrer wandten den Blick ab, aber dann sahen sie mich wie ihresgleichen an. Außer ihnen hatte niemand den Geruch bemerkt.

Eine wirklich große Begegnung mit dem Geruch hatte ich dann auf dem Rückweg nach Moskau, im Dorf Omoforowo. Dort befindet sich eine Schule für geistig zurückgebliebene Kinder. Ich bat meinen Begleiter herauszufinden, ob man uns empfangen würde. Er kam zufrieden zurück: Man erwartet uns, wir bekommen sogar einen Tee. Nur, es riecht da seltsam. Ich maß seinen Worten keine Bedeutung zu. Wir betraten das Gebäude, und ich wusste plötzlich, dass ich schon lange nicht mehr in einer so ausweglosen Situation gewesen war.

Den Gestank konnte man von seiner Intensität her mit der Macht einer Beethoven-Symphonie vergleichen. Ich hielt mir die Nase zu, um mich nicht zu übergeben. Ich weiß nicht, wie ich es bis zum Zimmer der Erzieherinnen geschafft habe. Es waren Frauen unterschiedlichen Alters für ein Spottgehalt unterrichten und erziehen sie Kinder von Alkoholikern und Drogenabhängigen.

Alles wäre gut, sagten sie, aber was nach der Schule aus den Kindern werden soll, sei unklar. Die behinderten Mädchen gehen an der Schnellstraße auf den Strich.

Und was ist das hier im Korridor für ein Geruch?, fragte ich vorsichtig.

Der Geruch? Da wird gerade die Scholle fürs Abendessen aufgetaut.