Sie hatten Beifall erwartet, stattdessen begegnete ihnen Gleichgültigkeit und Feindseligkeit. Westliche Investoren machen es den chinesischen Kommunisten derzeit nicht leicht, sich zu guten Börsianern bekehren zu lassen. Selbst wenn die Chinesen die Lorbeeren der Revolution zum Opfergang auf die Wall Street tragen, niemand will es ihnen lohnen. Das jedenfalls war der Eindruck nach der Börseneinführung des chinesischen Ölriesen PetroChina in New York und Hongkong. Gleich nach ihrer ersten Notierung am vergangenen Freitag verlor die Aktie fünf Prozent ihres Wertes.

Ahnte denn niemand, was für ein Unternehmen da feilgeboten wurde? Mit PetroChina, dem nach Einnahmen und Ölreserven größten Erdölunternehmen Chinas, das 29 Raffinerien im Norden und Westen der Volksrepublik kontrolliert und über eine Produktionskapazität von täglich zwei Millionen Barrel Öl verfügt, sind die Wüstenträume Mao Tse-tungs über Nacht für die ganze Welt käuflich geworden. Und einmal träumte Mao nicht umsonst. Als Ende der fünfziger Jahre Techniker und Bauerntrupps mit Schaufel und Hacke die riesigen Ölfelder von Daqing erkundeten, gaben sie der jungen Volksrepublik einen ihrer größten Trümpfe in die Hand.

Seither zählt die Ölindustrie in China zur ökonomischen Avantgarde. Ihre Vertreter, die den einzig erfolgreichen Industriezweig der Mao-Ära repräsentierten, waren im Jahr 1970 wesentlich daran beteiligt, den Großen Vorsitzenden von der Notwendigkeit eines Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Richard Nixon und der Beendigung des Boykotts westlicher Technologie zu überzeugen. Ihrer Zeit jeweils um Jahre voraus, setzte die chinesische Ölbranche in den siebziger Jahren auf den Import westlicher Maschinen und verfolgte in den neunziger Jahren als Erste eine Globalisierungsstrategie - mit Milliardeninvestitionen in Nahost, Lateinamerika, Afrika und Zentralasien. Dabei geht es nicht nur um die sichere Energieversorgung des chinesischen Wachstumsmodells, aus dem in 20 Jahren die größte Volkswirtschaft der Welt erwachsen soll. Der PetroChina-Vorsitzende Ma Fucai will mit der Börseneinführung seines Unternehmens an der Wall Street allen ein Beispiel für die erfolgreiche Reform der großen chinesischen Staatsbetriebe geben.

Genau diese Idee aber lässt sich an der Börse bisher nicht verkaufen.

Aktienanalysten in New York erkennen in den Ölarbeitern von Daqing nicht mehr Helden der Revolution, sondern überflüssige Arbeitskräfte. Und sie misstrauen dem Versprechen der Pekinger Regierung, die Zügel von PetroChina und der Mutterfirma China National Petroleum Corporation (CNPC) in Zukunft wirklich locker zu lassen. Zudem haben westliche Investoren das Trommeln einer lautstarken Anti-China-Lobby im Ohr, die PetroChina mit politischen Vorwürfen überhäuft. Ob Menschenrechtsverletzungen in Tibet, wo CNPC Tankstellen unterhält, oder Völkermord im Sudan, wo CNPC Teilhaber eines von der fundamentalistischen sudanesischen Regierung geförderten Ölprojekts ist - für diese Verbrechen war aus Sicht amerikanischer Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen (NGO) die chinesische Ölindustrie mitverantwortlich. Jetzt soll sie dafür büßen. Schon feiern Gewerkschaften und NGOs in den USA den Börsenflop von PetroChinaa als zweiten Sieg der Globalisierungskritiker nach der gescheiterten Tagung der Welthandelsorganisation in Seattle.

Das kann schlimme Folgen haben. China - immerhin ein Fünftel der Menschheit - benötigt dringend eine neue Energiepolitik, und sei es nur deshalb, weil die Welt sonst eines Tages am CO2-Ausstoß der chinesischen Kohlewirtschaft zu ersticken droht. Mit anderen Worten: Selbst Öl ist in China umweltfreundlich.

Wie aber sollen die Pekinger Kommunisten aus dieser Niederlage schlau werden?