Nein, wie Donnerhall braust er nun wirklich nicht durchs Land, der Ruf nach direkter Demokratie, nach größerer Bürgerbeteiligung im Allgemeinen und Volksentscheiden im Besonderen. Doch im Moment ist selbst mattestes Verdrossenheitsgegrummel laut genug, um etablierte Politiker gehörig zu erschrecken. Nachvollziehbar ist das durchaus: Die großen, alten Parteien der Republik, Sozial- wie Christdemokraten, sind eben ziemlich verunsichert. Die schweren Erschütterungen des letzten Jahres haben sie nicht ohne Blessuren überstanden. Aus dem Gröbsten mögen sie einstweilen heraus sein. Doch die Selbstzweifel nagen weiter. Und eilfertig, sehr eilfertig gelobt manch einer Besserung.

Zu den innerlich Angefochtenen scheint sich, auf den ersten Blick, neuerdings auch SPD-Generalsekretär Franz Münterfering gesellt zu haben. Seine jüngsten Vorschläge zur Reform der sozialdemokratischen Parteiorganisation haben den Eindruck erweckt, ausgerechnet dieser archetypische Parteimann sei auf einmal vor den Parteienverächtern eingeknickt: Öffentliche primaries zur Vorauswahl sozialdemokratischer Parlamentskandidaten hat er vorgeschlagen, bei denen sich auch Nichtmitglieder beteiligen sollen. Obendrein hat er die "digitale Partei" ausgerufen, und das Seiteneinsteigertum in die Politik will er nach Kräften befördern - alles Maßnahmen, die, zum Nennwert genommen, die programmatische und personelle Konsistenz einer Partei nur noch weiter verdünnen würden. Doch der Schein trügt, die Sache ist komplizierter.

Müntefering ist sich treu geblieben. Vernünftigerweise.

Denn der sozialdemokratische Organisationschef hat zwar einerseits - wie längst nicht alle Parteileute - verstanden, dass die Tage der traditionellen Mitgliederparteien gezählt sind, sofern sich an ihren hermetischen Bräuchen nicht bald etwas ändert. "Dass viele nicht mehr in die Ortsvereine kommen, hängt auch damit zusammen, dass die anderen schon da sind", sagt er völlig zu Recht. Doch das ist eben nur die eine Seite. Denn andererseits hat Müntefering eben auch - wie die wenigsten Modernisierer - begriffen, dass die alte Partei dennoch mehr ist als nur Ballast, dessen man sich beim Reformieren am besten flink entledigt.

Vielfach haben Parteimodernisierer schon vergeblich versucht, aus der Not von Mitgliederschwund und Überalterung eine Tugend zu machen. Als entschlackte und professionalisierte "Dienstleistungs-", "Fraktions-" oder "Rahmenparteien" sollten die schwerfälligen Organisationen neu erstehen. Doch funktioniert hat das alles ziemlich schlecht, weil Parteien soziale Organismen sind - oder überhaupt nicht. Ihrer Traditionen und Mythen beraubt, ohne Grünkohlabende und das "Erlebnis der Gruppe" (Müntefering) geraten sie nur noch mehr ins Straucheln.

Die Parteien mit modernen Mitteln zur Gesellschaft hin zu öffnen, um sie zu bewahren

sie - umgekehrt - zu erhalten, um überhaupt erfolgreich modernisieren zu können: Das ist die ambitionierte Aufgabe, die Franz Müntefering sich gestellt hat. Gewiss, Hegel hatte Recht: "Die Wahrheit der Absicht ist nur die Tat selbst." Doch immerhin ist da mal einer auf dem richtigen Weg.