Arribada heißt das Spektakel. Arribada ist der Moment, in dem Zehntausende von Schildkröten gleichzeitig aus dem Meer kriechen, um ihre Eier am Strand abzulegen. Das Phänomen ist weltweit nur an vier Stränden zu sehen. An der Playa Escobilla in Oaxaca, Mexico, in Gahimartha auf der indischen Halbinsel Orissa und in Costa Rica: an den beiden Stränden von Ostional und Nancite an der Westküste der Halbinsel Nicoya, der Ferienecke des zentralamerikanischen Landes.

In aller Herrgottsfrühe sind die Touristen aufgebrochen, um am Strand von Ostional dem Naturschauspiel beizuwohnen: Nun stehen sie da, schockiert, und können das Drama nicht fassen, das sich vor ihren Augen abspielt. Zwar sind Zehntausende von Papageienschildkröten am Strand eingetroffen. Aber dazwischen marschiert eine gute Hundertschaft von Menschen zielstrebig umher.

Es sind keine Touristen mit Fotoapparaten, sondern Einheimische mit großen, weißen Säcken.

Mit bloßen Händen scharren die Männer den Sand auf und fördern an jeder Fundstelle etwa 100 tischtennisballgrosse Eier zutage. Sie müssen dabei nicht mal besonders vorsichtig zu Werk gehen. Schildkröteneier sind von einer zähen, pergamentartigen Schale umgeben. Die Eier halten es auch aus, wenn sie in die großen Plastikbeutel geworfen werden. Sack um Sack laden die Männer ihre Beute auf Lastwagen - ein voller wiegt etwa 50 Kilogramm, das entspricht circa 2500 Eiern. Ziel der eifrigen Sammler ist der Markt von San José.

Eigentlich ist in Ostional das begrenzte Ernten von Schildkröteneiern erlaubt - im Rahmen eines einstmals weltweit beachteten Projekts für nachhaltige Entwicklung. Die Idee dahinter: Einheimische Eiersammler haben ihr Auskommen, ohne die Tiere in ihrer Existenz zu gefährden. Doch inzwischen ist das Projekt außer Kontrolle geraten. Die Ernte erfolgt heute praktisch ohne staatliche Aufsicht.

Die Papageienschildkröte steht, wie alle anderen sechs Arten von Meeresschildkröten, auf der Liste der am stärksten bedrohten Tierarten. Das wissen auch die hueveros, die Eiersammler. Und deshalb missfällt es ihnen, dass sie bei ihrem Treiben von Naturfreunden beobachtet werden. Entsprechend gereizt ist die Stimmung am Strand von Ostional. Dies verspüren an diesem Morgen gleich zwei Touristen, denen die Eiersammler die Kameras entreißen wollen.

Solche Attacken sind noch von der mildesten Sorte. Wären die Reisenden nicht dieses Jahr, sondern am 4. Juli 1998 am Strand gewesen, hätten sie das Forschungszentrum in Flammen gesehen. Wäre ihr Besuch auf den 1. Mai 1999 gefallen, hätten sie sich einer rachedurstigen Meute gegenübergesehen, die mit Steinen, Stöcken und Stangen auf zwei naturschutzorientierte Forschende losgingen. Sie hätten mit angesehen, wie deren Hab und Gut verbrannt und das Auto zu Schrott geschlagen wurde.