Wenn Marcus Gerke jetzt nicht scharf genug nachdenkt, verschimmeln im Mai in der Türkei Tonnen von Feigen. Gerke ist Projektmanager beim Logistikdienstleister Schenker in Essen. Er und seine Logistikkollegen in aller Welt sorgen dafür, dass die richtige Ware zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist. Zurzeit denkt Gerke darüber nach, wie man Feigen aus der Türkei, Mandeln aus Kalifornien und Sesam aus Indien schnell und zuverlässig zum Kunden in Deutschland bringt. Sein Auftraggeber, das junge Unternehmen Grownex, will über eine Internet-Börse Backwaren an Großkunden verkaufen. Die Vorgabe für Gerke: 36 Stunden nach der Bestellung per Mausklick muss die Ware ab Lager beim Kunden sein.

"Das ist nicht ganz einfach, aber zu schaffen", sagt der Logistiker und blickt auf das Schaubild auf seinem Computerbildschirm. Dort sind Grownex, Schenker, der Abgangs- und der Zielhafen, der Zoll und das Lager als Kästen dargestellt, zwischen denen Pfeile hin- und herlaufen. Dem Schaubild sind die vielen Fragen nicht anzusehen, die Gerke sich bisher gestellt hat: Was passiert, wenn das beauftragte Transportunternehmen ausfällt? Werden die Qualitätsstichproben besser im Abgangshafen oder im Zielhafen genommen? Wann muss der Kontrolleur informiert werden? Wie kommt der Feigenlieferant an das Label, mit dem er die Ware etikettieren muss, sodass Schenker die nötigen Informationen ablesen kann? "Das ist nur die Grobplanung", sagt Gerke. Wenn er und sein Team mit dem Denken fertig sind, hat sich das provisorische Schaubild in ein verästeltes Ablaufschema verwandelt, in dem kein noch so kleiner Handlungsschritt fehlt - und sei es der Anruf, mit dem der Spediteur beim Lieferanten die Abholzeit bestätigt.

Logistiker müssen immer komplexere Abläufe in den Griff bekommen. Denn der Trend bei den Logistikdienstleistern geht zum Komplettanbieter, der dem Kunden so viel wie möglich abnimmt. So sorgen Schenker und andere Logistikdienstleister in Eigenregie dafür, dass Unternehmen wie VW und Ford zum gewünschten Montagezeitpunkt die benötigten Autobestandteile in der richtigen Variante im Werk vorfinden. Sie übernehmen die Qualitätskontrolle und setzen einzelne Bauteile wie Stoßstangen, Türen und Türverkleidungen zusammen. Doch der Service der Logistikdienstleister wird nicht nur umfassender, er wird auch internationaler. Ein Rennen um leistungsfähige weltweite Logistiknetze hat begonnen.

Gute Logistiker kommen schnell in Toppositionen

Es wird fusioniert, aufgekauft und kooperiert. Setzten die zehn größten europäischen Logistikdienstleister 1997 noch 58 Milliarden Mark um, waren es 1999 schon 93 Milliarden Mark. Logistikinteressierten Hochschulabsolventen könne die Entwicklung in der Branche nur nutzen, meint Ulrich Müller-Steinfahrt, Leiter der Verkehrslogistik am Fraunhofer Anwendungszentrum Verkehrslogistik Nürnberg: "Durch den Trend zum Komplettanbieter und zu internationalen Logistiknetzen wächst der Bedarf an Leuten, die den Überblick haben und Managementaufgaben übernehmen können. Die Nachfrage nach Akademikern ist bereits spürbar gestiegen."

Das bestätigt auch Sigmar Gleiser, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung in Frankfurt. "1999 gab es in den Printmedien 6800 Stellenanzeigen für Fach- und Führungskräfte in der Logistik und logistiknahen Bereichen. Allein zwischen 1998 und 1999 stieg die Zahl um 30 Prozent. Und die Nachfrage wächst weiter."

Auch wer kein Studium mit dem Schwerpunkt Logistik vorweisen kann, hat Chancen. Gefragt sind vor allem Betriebswirte, Wirtschaftsingenieure und Ingenieure. Informatiker werden ohnehin dringend gesucht. Viele Unternehmen sind auch für Physiker und Volkswirte offen. Seiteneinsteiger aus den Sozial- und Geisteswissenschaften sind dagegen selten. "Für sie ergeben sich Karrierechancen am ehesten bei Unternehmensberatungen, die Logistikberatung anbieten", sagt Helmut Baumgarten, Leiter des Bereichs Logistik an der TU Berlin. Neben den Großen der Beraterbranche wie AT Kearny, Ernst & Young und Price Waterhouse Coopers kümmern sich auch Spezialanbieter wie die Berliner Logistik und Management Consulting (LMC) ums Beratergeschäft.