Die moderne Erinnerungsprosa muss an bürgerlichen Sonntagnachmittagen entstanden sein. Alles döst und ist so reglos, dass man den eigenen Blutkreislauf belauschen und sein Rauschen mit dem Bewusstseinsstrom verwechseln kann. Die Welt draußen ist so weit weg, dass sie nur noch als Gedanke existiert und kaum mit dem halb leeren Glas Mineralwasser auf dem Tisch konkurrieren kann. Aus solchen Momenten hat der junge westdeutsche Autor David Wagner seinen ersten Roman komponiert. Wenn er sich an Telefongespräche mit seiner Mutter erinnert, kommt es ihm vor, dass "ihre Stimme sprudelte, wie eine Kopfschmerztablette im Wasser, in vielen kleinen Löchern aus der Hörmuschel, und sich zu einem wortlosen Singsang formte, der nach und nach seine Bedeutung verlor. Übrig blieb die rheinische Melodie über dem Klangteppich des fließenden Wassers, ein Weialala, hinter dessen jeder einzelnen Silbe ich irgendeine große Geschichte hallen hörte, so wie das Ohr an einer Muschel Meeresrauschen hören will."

Die Gesellschaft der Bundesrepublik war schon lange reif für solche proustischen Anwandlungen, ist sie doch verpackt in Wohlstand wie in Wolkenstores, die selbst den Blick auf den Vorgarten mit seiner blauschwarzen Zwergtanne verhüllen. David Wagner ist knapp dreißig, geboren in der Zeit der Ostverträge und aufgewachsen in dieser Wolkenstorewelt

im Plattenschrank der Mutter gab es Peter-Handke-Musik (Creedence Clearwater Revival!), im Bücherschrank zwei Hitler-Biografien - eine mit braunem und eine mit schwarzem Umschlag -, auf dem Frühstückstisch ein Nutella-Glas und im Fernsehen die Drehscheibe. Der Vater war im Parka auf Demonstrationen gewesen, das bewiesen die Fotografien, inzwischen aber zum Politischen Beamten in einem Bonner Ministerium avanciert. Natürlich hätten die beiden letzten Sätze ein wenig anders formuliert werden müssen: "Im Plattenschrank der Mutter des Ich-Erzählers ..." und "Der Vater des Ich-Erzählers ..." Doch das ist Pedanterie. Alles, wovon Wagner erzählt, kennen wir genauestens: So ist es gewesen.

Immer vernehmlicher beginnen die großen Geschichten hinter den Silben zu hallen, auch wenn in dem Fließen von Wagners schönen, langen Sätzen zunächst alles gleich groß erscheint, Nutella-Glas und Zweiter Weltkrieg. Der Onkel (des Ich-Erzählers) hat vom Großvater eine Fabrik für Kunststoffplatten geerbt, die Bushäuschen oder Fabrikhallen bedecken. Sie machen zwar, wo immer sie hinkommen, "die Welt ein Stück hässlicher", wie Wagner mit passend hässlicher Formulierung sagt

doch sind sie leicht überallhin zu transportieren, in alle europäischen Länder, wo der Großvater dazu beigetragen hatte, Städte in Schutt und Asche zu legen. "Überall dort konnte er am Wiederaufbau verdienen, er kannte die Straßen, über die er Lastwagen mit Rheintochter-Holz- und Kunststoffen schicken musste, sagte mein Onkel."

Das Hässlichkeit verbreitende Produkt schuf jenen Reichtum, aus dem die Lebensruhe hervorging, die die Voraussetzung von Wagners stiller und nervöser Prosa ist.

Anders als seine gleichaltrigen Literatenkollegen von der Tristesse Royale blendet Wagner Geschichte also nicht aus, sondern lässt sie in ihren aktuellen Vermittlungen durchscheinen. Dass der Ich-Erzähler in seiner "Kunststoffkindheit" und in seinem "eingeschweißten, westdeutschen Leben" wenig erlebt hat, ist nicht nur die Folge des Wohlstands und des von ihm ermöglichten nachsichtigdistanzierten Verhältnisses zwischen Eltern und Kindern, sondern auch einer weltpolitischen Konstellation: des neurotischen Endstadiums des Kalten Krieges, wo "alles verschwand unter dem großen Egal, mit dem ich auf den Atomkrieg wartete, die Bombe kann jederzeit fallen, glaubte ich damals".