Richard von Weizsäcker ist es zu danken, dass die hart umkämpfte Ratifizierung der Brandtschen Ostverträge im Bundestag nicht scheiterte.

Regierung und Opposition verfügten damals - es war 1972 - jeder über 248 Sitze. Weizsäcker hatte für Ratifizierung plädiert und damit den Zorn seiner Partei erregt. Die Abstimmung musste verschoben werden. Schließlich aber gelang es ihm, mit zwei Reden im Plenum die CDU/CSU zur Stimmenthaltung zu bewegen und damit die Ratifizierung zu ermöglichen.

Groß ist Weizsäckers Fähigkeit zum Vermitteln. Ihn zeichnet die seltene Kombination von Zähigkeit und Entgegenkommen aus, von Skepsis und Güte, von großem Ernst und schnellem Witz. Sein Humor ist ebenso präsent wie sein Wissen um die tiefen Abgründe der menschlichen Seele.

Wenn er spricht, hören alle zu, die Jungen und die Alten, die Rechten und die Linken. Seine Autorität beruht nicht auf Macht, sondern speist sich aus tieferen Quellen. In seiner Person scheint der Gegensatz von Macht und Moral aufgehoben. Auch als Bundespräsident, der doch ex officio keine Macht hat, war seine Autorität stets präsent.

Auf all seinen Posten, ob in der Industrie, als Kirchentagspräsident oder in der Politik, hat ihn vor allem eins beschäftigt: die Auseinandersetzung mit den Grundwerten der modernen Gesellschaft.

Als er am 3. Oktober 1990 Präsident des ganzen Deutschland wurde, konnte er endlich versuchen, aus seiner Einsicht: "Deutschland ist der Osten des Westens und der Westen des Ostens" praktische Schlüsse zu ziehen. Schon in den sechziger Jahren war er für Entspannung eingetreten. Jetzt, 1990, sagt er: "Sie (die Bürger der DDR) kommen doch nicht nur als Nehmende, sondern gewiss auch als Gebende in ein neu sich bildendes Europa." Es gehe nicht an, meint er, dass sie unsere Verhaltensweise einfach übernehmen müssen.

Heute, da Weizsäcker keine offiziellen Ämter mehr bekleidet, ist sein Leben fast noch ruheloser geworden. Überall, wo es gilt, ehrenhalber wichtige Aufgaben zu übernehmen, ist er gefragt: Auf Wunsch von Verteidigungsminister Scharping hat er die Leitung der Kommission gemeinsame Sicherheit und Zukunft der Bundeswehr übernommen. Auch ist er Prodis Aufforderung gefolgt, zusammen mit einem früheren belgischen Ministerpräsidenten und einem britischen Exhandelsminister Vorschläge für eine Reform des EU-Vertrags auszuarbeiten.