Ein eindeutiger Fall von Kleinkunst. Sie rennt die offenen Türen nicht ein, sondern komplimentiert einen durch sie hindurch. Sie bestärkt die Menschen, worin diese doch schon geraume Zeit stark sind. Zum Beispiel, dass ein Mann weinen darf und eine Frau sagen, wie sie es mit wem gern hätte. -

Mann und Frau, ein paar Selbstverständlichkeiten und eine enorme Träne im Café, daraus besteht Eine pornografische Beziehung, die natürlich alles andere als ein "oh, là, là"-Film sein will und ist. Die Geschichte arbeitet sich vom Sex ins Seelische vor. Ungefähr so: Erst trieben sie es miteinander, dann lernten sie sich lieben. Fast vermisst man ein bisschen Klavier-Pipapo drum herum. Aber so klein ist der Film auch wieder nicht. Es gibt sogar eine Tür, die einem immer wieder vor der Nase zugeschlagen wird. Sex direkt ist erwiesenermaßen unerotisch. Darum setzt der Film nicht auf das Dabei, sondern auf das Davor, das Danach und die Vorstellungskraft des Zuschauers. Er aktiviert das Kino im Kopf.

Davor, da waren sie im Café. Sie hatten sich verabredet, weil sie beide auf das "Ausleben" einer bestimmten Fantasie brannten - die für den Zuschauer bis zum Ende eine unbestimmte Fantasie bleibt. War es ihre Anzeige in einem einschlägigen Magazin, oder haben sie sich über einen Bildschirmdienst kennen gelernt? Ihre Erinnerungen sind nicht deckungsgleich.

Dies und jenes muss man sich jetzt zusammenreimen. Mach was draus, dass sie ihren Kaffee hinterkippt und ins Hotel will, während er noch einen Cognac bestellt und genießerisch ein Zuckerstück ins Glas stippt. Mach was draus, dass sie ihn ebenso belustigt wie geniert fragt, ob er behaart ist. Stell dir vor, was sie sich vorstellen. Und überhaupt: wer jetzt nicht an eine schöne Geschichte in seinem eigenen Leben denkt, der kann an diesen Film nicht andocken. - Sie und er verlassen den Tisch. Als sie weg sind, ist es unglaublich leer. Der Film hat seine feinfühligen Seiten. Er spürt den Wellen der beiden nach, so wie etwa der Mann später ganz still seinem Erlebnis Frau nachspürt. Der Film weiß auch, wie der bordeauxrote Plüsch sich anfühlt, mit dem der Hotelflur komplett ausgeschlagen ist. Er weiß, wie sich Teppich unter Sohlen anhört. Dann klackt die Tür hinter dem Pärchen zu. Schnitt auf das Danach. Sofort beginnt die Spurensuche des Zuschauers. Was ist den Haaren, den Wangen, dem Gang der beiden anzusehen? In der Erinnerung fährt sich der Mann jedenfalls mit der Zunge kurz über die Lippen.

Der Autor Philippe Blasband und der Regisseur Frédéric Fonteyne strukturieren ihre Geschichte durch Erinnerungen, Rückblenden und die Fragen des im Off bleibenden Interviewers, der da sitzt, wo die Kamera steht, und dieser Liebesgeschichte nachgeht. Eine einfache Struktur, die ihrerseits Anlass zu weiteren Fragen bietet. Befinden sich die beiden, Mann und Frau, etwa in derselben Wohnung beim Erzählen, die Art der Möblierung gleicht sich nämlich?

Sind sie ein Paar geworden? Ihre Erzählpassagen werden jedenfalls in immer kürzeren Sequenzen aneinander geschnitten. Eine Annäherung. "Ich bin ein bisschen romantisch", erklärt er.

Der Film ist es auch, mehr als ein bisschen sogar und mehr, als ihm gut tut.