Berlin und Warschau bilden die Achse der Osterweiterung. Kein bilaterales Verhältnis in Europa wird von der Ausweitung der EU so nachhaltig betroffen wie das deutsch-polnische. Der Historiker Fritz Stern schraubte die Erwartungen gegenüber den beiden Staaten noch einmal hinauf, als er im vergangenen Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt. Die deutsch-polnische Aussöhnung, so befand Stern, sei entscheidend für das Gelingen der europäischen Einigung im 21. Jahrhundert.

Um beide steht es inzwischen nicht zum Besten. Das ist alarmierend, weil seit 1989 die deutsch-polnischen Beziehungen ebenso wie Warschaus Wirtschaftswunder als europäische Bilderbuchgeschichten gegolten haben. Jetzt aber rückt die Stunde der Wahrheit unaufhaltsam näher: Die EU muss sich ehrlich machen. In Brüssel platzen die Luftschlösser und auch ein paar Kragen. In Polen wächst die Panik. Berlin schweigt.

Für den tiefen Sturz des Stimmungsbarometers haben Aussagen von EU-Vertretern und unabhängigen Wirtschaftsfachleuten gesorgt. Sie bekennen mehr oder weniger offen, dass sich die Osterweiterung und speziell Polens Aufnahme aller Voraussicht nach verzögern werden. Mit den ersten Beitritten sei nicht mehr Anfang 2003, sondern frühestens zwischen 2004 und 2006 zu rechnen. In Warschau, wo sich die liberalkonservative Regierungskoalition in kaum mehr als zwei Jahren Amtszeit bis zur Handlungsunfähigkeit zerstritten hat, lagen die Nerven daraufhin blank. Polens EU-Botschafter Truszczynski reagierte schockiert: "Wenn jetzt schon das Jahr 2005 für die Aufnahme der ersten Bewerber genannt wird, soll man die EU-Erweiterung lieber gleich vergessen."

In fünf Jahren, so der erregte Diplomat, stehe die Gemeinschaft wieder vor neuen Problemen. Dann könne aus 2005 auch 2008 oder 2010 werden. So lange werde Polens Bevölkerung den kostspieligen EU-Kurs nicht mittragen. Warschaus Zeitungen assistierten. Die EU-Kommission habe offenbar "grünes Licht" für einen "Bummelstreik" zur Verzögerung der Beitrittsverhandlungen erhalten, schrieb Gazeta Wyborcza. Und Polens glückloser Ministerpräsident Jerzy Buzek, der vergangene Woche überstürzt in Brüssel an die falschen Türen klopfte, statt sich konzentriert mit den wichtigsten Mitgliedsstaaten in Verbindung zu setzen, grollte: "Über dem Erweiterungsprozess ziehen dunkle Wolken auf."

Als Herr der Finsternis galt den Polen vor allem Romano Prodi, der Präsident der EU-Kommission. Der hatte kürzlich seine Ohnmacht gegenüber den großen Mitgliedsstaaten durch markige Appelle an die EU-Bewerber kompensiert: Unnachgiebig werde Brüssel darauf bestehen, dass die Kandidaten die Bedingungen für ihre Mitgliedschaft erfüllten. Denn wenn in Westeuropa der Eindruck entstünde, dass den Bewerberländern Sonderkonditionen eingeräumt würden, könnten sich populistische Parteien ermuntert fühlen, Haider nachzueifern. Warschau, das besonders viele Ausnahmen im Agrarbereich verlangt, fühlte sich von dieser kruden Logik beleidigt. Prodis engster Berater und Sprecher Ricardo Levi sattelte noch drauf: Er könne sich vorstellen, dass es Polen nicht bis zur ersten Erweiterungsrunde schaffe.

Damit geriet Warschaus Weltbild ins Wanken. Als mit Abstand größter Bewerberstaat und "Europameister im Wachstum" sah sich Polen seit Jahren an der Spitze des ersten Sechserfeldes unter den zwölf EU-Kandidaten. Deutsche Bank Research verstieg sich 1996 gar zu der Formulierung, dass Polen "zu Recht mit den Tigern Südostasiens verglichen" werde. In Wirklichkeit war Warschaus Tank immer nur halb voll. Trotz imponierender Erfolge auf dem Dienstleistungssektor und in verschiedenen Industriebereichen blieb das Land jenseits der Großstädte zutiefst agrarisch geprägt. In keinem anderen Kandidatenstaat stellen die Bauern einen so hohen Anteil an der Bevölkerung.

Ihr Einkommen beträgt nur 45 Prozent dessen, was die Industriearbeiter nach Hause bringen. Die bisher acht Regierungen nach der Wende waren alle an der Privatisierung von Banken und Unternehmen interessiert. Für den ländlichen Strukturwandel entwickelten sie keine Konzepte. Eine aktive Sozialpolitik wagte erst die jetzige Koalition aus konservativer Solidarnoc (AWS) und liberaler Freiheitsunion (UW). Doch sie brachte ihre internen Konflikte nie unter Kontrolle und betrieb den Postenschacher noch schamloser als die Postkommunisten. Seit Monaten hat die Koalition so niedrige Popularitätswerte wie noch keine andere Regierung seit der Wende. Nur 48 Prozent der Polen wollen noch in die EU - im Mai 1998 waren es noch 80 Prozent.