Die Schatten werden blasser und länger. Der Waldbrand-Nebel ist plötzlich verschwunden, die Schafe nehmen den Weg in den Stall. Alles hat seine Zeit, das Öffnen und Schließen der Blüten, das Kommen und Gehen des Nebels, des Viehs."

Der das ganz unironisch aufgeschrieben hat und als Teil seiner romanhaften Autobiografie präsentiert, ist Michael Schindhelm, 1962 in Eisenach/DDR geboren, für einen Intendanten also noch jung. Er leitet mit dem kleinen Basler Stadttheater eine der geachteten deutschsprachigen Bühnen. Und trotzdem entwirft er derart schlichte Idyllen? "Noch vor zwei Jahren hätte ich mir diese Schwäche für Katzen nicht geglaubt. Zwar genoß die Katze mit ihrem unabhängigen und eleganten Wesen immer den Vorzug vor dem Hund, aber gerührt haben sie mich erst, seit wir einen Kater im Haus haben."

Spott von Städtern über Vieh- und Naturkreislauf-Bewunderung sowie Rührung bei Katzen hat, so die Vermutung, oft einen simplen Grund: die Abwehr der eigenen Sentimentalität, von Gefühlen, die sich bei alten Frauen mit Kopftüchern, Bergseen, wildem Meer und dergleichen ohne Erlaubnis einzustellen pflegen und also gezähmt werden müssen? Denn hat nicht Adorno schon am Beispiel Heideggers wunderbar böse gezeigt, wie der Holzweg-Apologet "die Natur" und den "einfachen Bauern" noch idyllisierte, als beide schon längst ideologisierte Funktionsträger im großen Kriegsräderwerk waren? Und die heutigen Subventionslandschaftsgärtner kennen wir doch auch. Der Gefahr der Naivität, von falschen Paradiesen will jeder entrinnen. Das schreibt auch Schindhelm: "Darin liegt die Gefahr: sich am unpassenden Ort wohlzufühlen."

Nur meint er andere Umgebungen damit, die Gesellschaft "fideler Opernfans" beispielsweise.

Geografisch beginnt Roberts Reise mit dem Ort der besinnlichen Gedanken (dem Monte Crocione im Grenzgelände Tessin/Oberitalien) und kehrt in diese Gegend, nach Castiglione, immer wieder zurück: Dazwischen macht der Ich-Erzähler (einzige Namensnennung im Text: "Ob ich einverstanden sei, wenn sie mich Robert nennen und ich sie Sweta") in seinen Gedanken viele Schlenker in Raum und Zeit: Sie reichen zurück in die DDR, nach Bad Grüningen, wo Robert aufwuchs

nach Fichtenburg, wo Robert ein Elitegymnasium besuchte

nach Woronesch, 800 Kilometer südlich von Moskau, wo Robert, um dem DDR-Militärdienst zu entgehen, Chemie studierte.