Michael Wildt wundert sich in seinem Artikel über das erschreckende Ausmaß von Kälte und Selbstgerechtigkeit bei Eichmann. Wenig erstaunlich ist freilich, dass Eichmann in seiner Selbstrechtfertigung auf Kants Ethik zurückgreift. Es gibt eine lange Verfallsgeschichte des kategorischen Imperativs, mit dessen universalistischen Konsequenzen man sich in Deutschland nie so recht anzufreunden vermochte. Ein Tiefpunkt war im Ersten Weltkrieg erreicht, als Kant zum Ahnherrn preußischen Pflichtgefühls und Verkünder militärischen Gehorsams stilisiert wurde. Bereits 1920 formulierte Hans F. K. Günther eine völkisch-rassische Schwundform des Sittengesetzes, die nach der "Machtergreifung" nicht verändert werden musste: "Handle so, dass du die Richtung deines Willens jederzeit als Grundrichtung einer nordrassischen Gesetzgebung denken könntest." Die Schattenlinien der deutschen Geschichte zeigen sich gerade beim Umgang mit dem Erbe der Aufklärung.

Dr. Ulrich Sieg, Marburg