Von morgens bis mitternachts umschlichen Spitzel die Druckerei in Stuttgart, wo so hoch gefährliche Schriften wie August Bebels Die Frau und der Sozialismus hergestellt wurden. "Die Polizei ist niederträchtig frech geworden", klagte der Verleger Johann Heinrich Wilhelm Dietz, einer der Gründungsväter der Sozialdemokratie.

Das geschah vor 120 Jahren, zur Zeit des Sozialistengesetzes. Wird nun, was Bismarcks Schergen nicht gelang, doch noch Wirklichkeit? Droht dem Verlag J. H. W. Dietz Nachf., der nach 1933 aufgelöst und nach 1945 neu gegründet wurde, das Aus? In der vorigen Woche sorgte eine Nachricht für ungläubiges Kopfschütteln: Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung, seit 1973 alleinige Eigentümerin, wolle den Traditionsverlag "stilllegen".

Die Geschäftsführung der Stiftung präzisierte umgehend: Eine Schließung sei nicht beabsichtigt. Die Kürzung von Zuwendungen aus dem Bundeshaushalt zwinge jedoch zu drastischen Sparmaßnahmen. Durch "Konzentration auf Kernaufgaben und Begrenzung der Kostenbelastung" solle der Verlag "zukunftssicher" gemacht werden.

Zweifel sind hier angebracht. Denn wenn einer den Verlag zukunftsfähig gemacht hat, dann war es Heiner Lindner, der ihn seit 22 Jahren leitet. Mit bemerkenswertem Geschick hat er es verstanden, die Tradition zu pflegen und das Programm zugleich für Neues zu öffnen. Unter seiner Regie entstand etwa das achtbändige Handbuch der Dritten Welt, wurden Standardwerke zur Zeitgeschichte verlegt, darunter Heinrich August Winklers dreibändige Geschichte der Arbeiterbewegung 1918-1933, Ulrich Herberts Pionierstudien über Fremdarbeiter und den SS-Intellektuellen Werner Best, zuletzt Rüdiger Hachtmanns große Darstellung der 48er Revolution in Berlin.

Seit über zehn Jahren schreibt der Verlag schwarze Zahlen - auch deshalb, weil die Stiftung die Zeitschrift Die Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte für ihre Stipendiaten abonniert hatte. Durch die Sparpläne würde der Verlag nicht nur in seiner wirtschaftlichen Existenz gefährdet, sondern auch in der Freiheit der Programmgestaltung. Lindner hat, als er vor Jahresfrist davon in Kenntnis gesetzt wurde, die Konsequenz gezogen und zum 30. Juni gekündigt - eine Zäsur, denn für ihn dürfte ein Ersatz nicht so schnell zu finden sein.

Was nun? Offenbar gibt es Überlegungen, den Verlag an den Verband der Deutschen Druck- und Verlagsgesellschaft, die Medien-Holding der SPD, zu verkaufen. Doch diese Lösung weist weniger in die Zukunft als in die Vergangenheit. Denn damit würde J. H. W. Dietz wieder in den Geruch des reinen Parteiverlags kommen, den er in der Ära Lindner erfolgreich abgestreift hatte.

Wie immer die Sache ausgeht - der Schaden ist schon jetzt beträchtlich.