die zeit: Professor Giddens, nach drei Jahren Reformpolitik des Blairismus steht die New-Labour-Regierung in Großbritannien vor Schwierigkeiten: Niederlagen in Nachwahlen, Unzufriedenheit an der Basis, die drohende Schlappe gegen den Parteirebellen Ken Livingstone bei der Bürgermeisterwahl in London. Verliert der Zauber Tony Blairs seine Wirkung?

Anthony Giddens: Natürlich geht im Umgang mit der Macht etwas von dem Glanz des Anfgangs verloren, und die von Ihnen genannten Beispiele sind in der Tat Probleme für die Labour-Führung. Aber insgesamt ist das Ansehen Tony Blairs immer noch sehr hoch, und einige der grundlegenden politischen Initiativen der Regierung zeigen deutliche Ergebnisse, vor allem bei der Bekämpfung der Armut und in der Schaffung von Arbeitsplätzen. Wir haben zurzeit mit fast 80 Prozent eine der höchsten Beschäftigungsraten in Europa, und die Quote der Jugendarbeitslosigkeit ist inzwischen eine der niedrigsten.

zeit: Wie weit ist das ein Ergebnis der Blair-Politik und wie weit einfach eine Folge der Wirtschaftsentwicklung?

Giddens: Die Verbesserungen im Kampf gegen die Ungleichheit sind sicherlich ein Ergebnis der Politik von New Labour. Die günstige Beschäftigungsentwicklung begann zwar vor dem Machtwechsel. Doch das neue welfare to work-Programm Tony Blairs ...

zeit: ... das im Prinzip das Recht Arbeitsloser auf Sozialleistungen mit der Pflicht zur Arbeit beziehungsweise Ausbildung verknüpft ...

Giddens: ... hat die Beschäftigungslage entscheidend verbessert. Der Einnahmenüberschuss im Haushalt eröffnet neue Handlungsspielräume und ermöglicht die nötigen Investitionen vor allem im Gesundheits- und Erziehungswesen. Darin steckt auch eine Umverteilung zugunsten der Armen und Schwachen. Ein Sozialwissenschaftler der London School of Economics (LSE) hat errechnet, dass bis zum Ende dieser Legislaturperiode zwei Millionen Menschen aus der Armutszone herauskommen. In den folgenden vier Jahren - stabile Verhältnisse vorausgesetzt - werden es nach dieser Berechnung weitere zwei Millionen schaffen.

zeit: Woher kommt dann die Unzufriedenheit in der Labour Party, wo Kritiker Blairs über eine Vernachlässigung der Stammklientel klagen?