Der aktuelle Kommentar zum Kohl-Skandal kommt aus fast tausend Jahre totem Mund: "Hier kann man Sünde und Schande sehen / die so mancher sich selber auflädt." Der alte Dichter hat auch seine Meinung über die jungen Leute ("Seht doch, wie unaufhaltsam die Rohheit vordringt. / Früher gab man den Jungen ein paar hinter die Ohren, / die da freche Reden führten: / Heute ist es ihr ganzer Stolz"), die über den "Geschlechterkampf" ("Ich sag' euch, was uns allen schadet: / daß uns die Frauen wenig unterscheiden. / Ob gut, ob schlecht - da heißt es: Mann ist Mann") oder über die Prügelstrafe ("Niemand kann mit Schlägen / die Erziehung eines Kindes erzwingen" ). Und die Liebe?

Der erliegt unser alter Dichter gern, mal fröhlich, mal traurig.

Ein Gedicht, das anhebt wie ein Gebet ("Herr Gott, bewahre mich vor Sorgen"), explodiert in die Anbetung der Geliebten: "Al mîn fröide lît an einem wîbe."

Ein Geständnis (All meine Freude liegt an einer Frau), das 800 Jahre später nur noch in neuhochdeutscher Übersetzung verständlich ist. "Einer ist mein Hoffen zugewendet" (Hubert Witt

Aufbau-Verlag, Berlin 1998)

"Mein ganzes Glück liegt in IHR" (Peter Wapnewski

Fischer Verlag, Frankfurt am Main, zuerst 1962).