Berlin

Das E-Wort, lange aus dem deutschen Sprachschatz verbannt, geht plötzlich wieder leichter über die Lippen: Elite. Ein überfälliger, wenn auch nicht völlig neuer Trend. Im Sport galt Auslese unausgesprochen ja stets als erwünscht, und sie wurde entsprechend gefördert. Auch die Wirtschaft bekennt sich zur Suche nach den Besten. Selbst für die paritätisch bestimmte Wissenschaft gehört Begabtenförderung nicht länger zu den Tabus. Nur bei der Handhabe von politischer Macht und Verantwortung werden elitäre Anwandlungen tunlichst vermieden. Dieses Manko führt in der Innenpolitik permanent zur Klage. Jetzt ist es auch in der äußeren Präsenz Deutschlands als Problem entdeckt worden.

Die Rückschau mag vor vorauseilender Melancholie bewahren. So schlecht war bisher Bonn draußen nicht vertreten. Mit Männern wie Walter Hallstein (EG), Rüdiger von Wechmar und Karl-Theodor Paschke (Uno), Wolf Graf v. Baudissin und Klaus Naumann (Nato) ließ sich durchaus Staat machen. Die DDR hatte es da weitaus schwerer. Weil der Kommunismus persönliche Profilierung letztlich allein den Staats- und Parteichefs vorbehielt, blieben für seine Repräsentanten im Supranationalen meist nur Grauwerte.

Auch das vereinigte Deutschland kann ein paar Spitzenbesetzungen aufweisen. Es schneidet mit dem UN-Umweltchef Klaus Töpfer, dem bisherigen Oberbefehlshaber der KFor, Klaus Reinhardt, und dem Leiter des Internationalen Währungsfonds, Klaus Köhler, so schlecht nicht ab. Doch wenn selbst ausländische Freunde die Deutschen unter Hinweis auf ihre hohen Finanzbeiträge zu selbstbewussterem Zugriff auf internationale Posten ermuntern, scheint etwas im Argen zu sein. Schläft Berlin? Das wäre fatal, denn die Globalisierung gibt Anlass genug zur Aufmerksamkeit. Wo die nationalen Gestaltungskräfte ständig schwinden, wächst die Bedeutung der grenzüberschreitenden Instanzen. Dort mitzuwirken ist das Gebot der Stunde.

Ist Großzügigkeit das Motiv für die Berliner Bescheidenheit?

Wer die Angelegenheit missversteht, kämpft um die höchsten Ränge bei den supranationalen Organisationen. Die Kohl-Regierung war dafür bekannt. Sie vernachlässigte den Unter- und Mittelbau der Bürokratien. Dort aber werden Entwicklungen eingeleitet, Kompromisse ausgekungelt und letztlich Handlungen bestimmt. Die operative Macht liegt gerade bei den überstaatlichen Institutionen in den Stockwerken unterhalb der Beletage. Und die Deutschen sind dort, wo auch die Führungsreserve heranwächst, schwach vertreten.

Das Defizit offenbart sich beispielsweise in Brüssel. Das Land mit den meisten Menschen, der stärksten Wirtschaft und den größten Nettobeiträgen rangiert bei den Beamten des höheren Dienstes der Europäischen Union unter "ferner liefen". Laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung stellt die Bundesrepublik 12,71 Prozent der wichtigeren EU-Diener. Frankreich (15,35 Prozent) und Italien (13,12) haben sich weitaus großzügiger bedient. Relativ gesehen kommen auch Großbritannien (11,32 Prozent) und Belgien (10,51 Prozent) deutlich besser weg. Ein ähnliches Missverhältnis lässt sich in der Uno und ihren Unterorganisationen, in der Weltbank und im IWF belegen. So finanziert die Bundesregierung rund 13 Prozent des Budgets der Unesco, schickt aber nur 3,5 Prozent der Beamten nach Paris.