Es ist Montag, die Telekom-Tochterfirma TOnline betritt den Neuen Markt, den Börsenplatz für die vermeintlichen Wachstumsunternehmen. Und trifft dort lauter Journalisten, die nach Panik in den Blicken der Hauptdarsteller suchen: Am Freitag vergangener Woche ist das Börsenbarometer Nasdaq, das amerikanische Pendant zum Neuen Markt, um fast zehn Prozent gefallen - einer der heftigsten Kursstürze in seiner Geschichte (siehe auch "Was riskieren fürs Alter" auf Seite 17). Auch der Neue Markt bröckelt seit Wochen und gibt an diesem T-Online-Montag zwei Prozent nach. Braut sich nun auch hier ein Gewitter zusammen? Platzt gerade die Spekulationsblase der vergangenen Monate? Wer weiß. Die T-Online-Aktie legt am ersten Tag zehn Euro zu, knapp 40 Prozent. Wer die Kursausschläge am Neuen Markt vorherzusagen wüsste, wäre schnell unermesslich reich.

Diejenigen, die man in solchen Momenten am ehesten um Rat bittet, die Wertpapierhändler nämlich, die an diesem Montag T-Online beobachten, sind nicht in der Börse. Sie sind geblieben, wo sie immer sind: in den Handelsräumen der Banken, am anderen Ende der Computerleitungen. Die meisten Kauf- und Verkaufsorders laufen inzwischen in einem Rechenzentrum im Frankfurter Norden zusammen, Adresse geheim. Das einst belebte Parkett ist zum Bühnenbild verkommen. Für die paar übrig gebliebenen Kursmakler ist der Auftritt von Telekom-Chef und Finanzminister nichts Neues. Der Aktienhandel per Computer nimmt von Jahr zu Jahr zu, die Zahl der von Prominenten inszenierten Börsengänge ebenfalls.

Man merkt das an einem Ort im Nordosten Berlins, der mit der TOnline-Show in der Frankfurter Börse so viel gemein hat wie eine Wanderbühne mit dem Broadway - ein sandfarbener Steinklotz, umringt von anderen Steinklötzen, so sieht das Reha-Zentrum Pankow aus. Hierher kommen Menschen, die am liebsten nicht hierher kämen. Leute mit Bandscheibenvorfällen, Wirbelbrüchen, schiefen Becken. In Turnhose und T-Shirt liegen sie auf grünen Gummimatten. Der Schweiß verwässert die sozialen Unterschiede. Da sitzt der Anwalt neben dem Klempner auf einem Gymnastikball, da lässt sich der ehemalige SED-Funktionär neben dem Jungunternehmer vom Therapeuten die Sehnen bearbeiten. Und weil das auf Dauer nicht besonders spannend ist, fangen sie an zu reden - über Dinge, zu denen jeder eine Meinung hat. Das Wetter oder Fußball. Ob Hertha am Samstag gewinnt, der FC Bayern schon wieder Meister wird? Früher waren das entscheidende Fragen, heute nicht mehr so. "Seit ein paar Monaten reden hier plötzlich alle über Aktien", sagt der Therapeut. Über Kursspielräume und Neuemissionen, Übernahmefantasien und Storys.

Der 31-jährige Finanzkaufmann Steffen Umlauft, dem die Bänder im rechten Knie rissen, hat immer einen guten Tipp. Als er die Treppen zu seinen Kunden nicht mehr schaffte, beschloss er, sein Wissen für sich selbst zu nutzen. Morgens um neun studiert er die Kurse am Computer. Wenn er unterwegs ist, schickt ihm seine Freundin Textmeldungen auf das Handy: "DAX -4,3, Nemax 50 -2,5, Dein Schatzi." Heute besitzt Umlauft ein paar Investmentfonds, ein paar Optionsscheine und ungefähr 70 verschiedene Aktien, "zu 90 Prozent Neuer Markt: Software, Internet, Bio-Tech - bin ich überall drin".

Der Börsengang der Telekom im Herbst 1996 hat die Deutschen neugierig auf Aktien gemacht - der Neue Markt hat sie dafür begeistert. Dazwischen ist in der deutschen Wirtschaft etwas passiert, was man bisher nur aus der Popmusik kannte. Aus Stars sind Langweiler geworden, aus Unbekannten Stars. Noch vor wenigen Jahren standen Unternehmen wie Volkswagen oder MAN in der deutschen Wirtschaft nicht nur für das Gestern, sondern auch für das Morgen. Heute haben andere den Platz der Hoffnungsträger eingenommen. Firmen, die sich für die herkömmliche Börse zu impulsiv fühlen und deren Namen so vage sind wie die Zukunft: Popnet, Softline oder Varetis - so genannte Wissensunternehmen, die manchmal selbst als Einzige wissen, was genau sie eigentlich machen. Meist ist es irgendetwas mit Software oder Internet, mit Biotechnologie oder Medien. Und fast immer bewegen sie sich in Märkten, die noch nicht gesättigt, in denen die Claims noch nicht abgesteckt sind. Im deutschen Maschinenbau sind die Umsätze im vergangenen Jahr um gut zwei Prozent gefallen, in der Informationstechnik und der Telekommunikation sind sie um fast zehn Prozent gestiegen. Unternehmen, die beispielsweise neue Computerprogramme entwickeln, können riesige Gewinne machen. Aber dafür brauchen sie zunächst einmal Geld. Geniale Software schreibt sich nicht von allein.

Geld zu bekommen ist gar nicht so einfach. "Junge Wachstumsunternehmen stoßen schnell an Grenzen, die Entwicklung mit Fremdkapital zu finanzieren", sagt Walter Allwicher von der Deutschen Börse in Frankfurt. Viele Banken zögern bei der Kreditvergabe - das Risiko ist ihnen zu hoch. Deshalb kam die Deutsche Börse vor drei Jahren auf die Idee mit dem Neuen Markt. Seitdem gibt es für all die Software-, Multimedia- und Bio-Tech-Firmen eine neue Geldquelle: Das eigene Unternehmen in kleine Scheibchen schneiden, diese verkaufen und mit den Einnahmen neue Labors, neue Computer oder neues Personal bezahlen. Der Neue Markt ist die Spezialabteilung der Börse, in dem es Anteile an Wachstumsunternehmen zu kaufen gibt, ein Scheibchen - eine Aktie.

In der Theorie geht das so: Jeder Aktionär erhält Gewinnanteile - Dividenden -, und deshalb kauft der kluge Anleger nicht irgendwelche Aktien, sondern Aktien jener Firmen, die den größten Gewinn erwirtschaften. Die Aktien besonders rentabler Unternehmen sind dann besonders begehrt. Ökonomen nennen das effiziente Kapitalallokation. Das Geld fließt dorthin, wo es den größten Nutzen stiftet - und davon profitiert die gesamte Volkswirtschaft. In den drei Jahren, die es den Neuen Markt gibt, haben die dort notierten Firmen 50 000 Arbeitsplätze geschaffen - mit dem Geld, das sie von den Anlegern bekamen. Der Unternehmer und der Aktionär als Wohltäter. Gäbe es tatsächlich so etwas wie einen Olymp und dort so etwas wie einen Wirtschaftsgott, er hätte sich das nicht besser ausdenken können. Offenbar ist der Neue Markt doch kein Theater, sondern das Schwungrad der Ökonomie. Die Börsenrepublik scheint die bessere Republik zu sein - oder gibt es da doch ein Problem?