In keinem Ton wohnt Unschuld, doch in jedem ein Geheimnis. Wer ergründet es? Der Dirigent allein. Er besitzt die Gabe, die "Materie" zu schauen, "Magie" zu üben, "bannende Kräfte" zu entzünden. Der Dirigent ist "das Ich" - und das Orchester wird erst benötigt, wenn er die Musik in sich zu "originalem Leuchten" gebracht hat. In der Zwischenzeit sollten die Musiker Sinnvolles tun und "Elementardinge" proben, damit sie endlich zur "vollendeten Maschine" und zur "Menschenorgel" reifen. Apodiktische Formeln eines Tyrannen?

Hermann Scherchen (1891 bis 1966) war vermutlich einer der meist gehassten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Orchestermusiker, die sein Lehrbuch des Dirigierens von 1929 lasen, diese klirrend präzise Handlungsanweisung für Logik, Klang und Genauigkeit, überkam das Frösteln. Scherchens Kälte und Majestät vereisten jeden Einwand. Erst recht in der Praxis: Wer sich Scherchen widersetzte, der litt. Wenn seine seltsam hohe, zirpende Stimme erklang, durfte gestöhnt werden. Wenn etwas nicht klappte, verbiss er sich.

Wenn ein Oboist seinen Einsatz verpasste, pfiff Scherchen die Stimme allein weiter. Doch wenn die Menschenorgel funktionierte, dann entstand nicht selten jenes ekstatische Glühen, jener unerhörte Furor, der alles verbrannte.

Für Scherchens Schallplattenaufnahmen interessierte sich lange Zeit nur jener Typ des Enthusiasten, den es nicht stört, dass sie dem Schönheitsideal des Friedlichen entsagen. Dass der Lack fehlt. Dass man dem Orchester Widerstand anmerkt. Das es manchmal zum Heulen klappert. Dass Scherchen Tempi forderte, für die es keine Tradition gab. Sein Beethoven, zur reinen Energie befreit, begann Schrecken zu verbreiten. Gequält reagierte das Publikum: Gab es nicht Klangvolleres? Scherchens alte Westminster-Aufnahmen begannen ein Dasein in jener Klausur zu fristen, zu der sich nur noch Eingeweihte Zutritt verschafften. Der Musikmarkt regulierte diesen merkwürdigen Zustand auf seine Weise: Er schob Scherchen und dessen tönende Hinterlassenschaft aufs Abstellgleis. Selbst gut sortierte Antiquariate mussten Nachfragen abschlägig quittieren.

Jetzt hat Universal Classics einige wichtige, von MCA Records digital aufbereitete Live-Aufnahmen wieder veröffentlicht. Sie beweisen, dass Scherchens Rastlosigkeit sich quer durch die Zeiten fräste. Er dirigierte die Brandenburgischen Konzerte und den Bolero, die Pastorale und Mozarts Requiem, Händels Concerti grossi und Ouvertüren Offenbachs, die Matthäuspassion und die Wassermusik. Und jetzt sitzen wir wieder fassungslos im Sessel und fragen uns: Wieso mussten wir auf diese Auferstehung so lange warten? Weil Scherchen zu modern war für seine Zeit.

Ein Leben ohne Atem, ohne Ruhe, oft ohne Mittagessen, am Rande der Armut - und ein Dauerkampf für die Avantgarde. Scherchen, in Berlin geboren, hatte sich nach eher provisorischem Unterricht auf eine Bratschenstelle bei den Berliner Philharmonikern hochgeübt. Als Arnold Schönberg ihn 1912 bei einer Tournee einige Male den Pierrot lunaire dirigieren ließ, verbannte Scherchen die Bratsche in den Koffer und entschied sich für ein neues Leben. Er ging als Chefdirigent nach Riga, kam in russische Gefangenschaft und spürte den Hauch der Oktoberrevolution. Der Sozialismus als Segen der Menschheit - diese Idee ließ Scherchen nicht mehr los. Doch zunächst musste er nach Berlin zurück, die Neue Musikgesellschaft und die Zeitschrift Melos gründen.

Wohin er später kam, nach Donaueschingen, Frankfurt, Königsberg oder Winterthur: Scherchen fühlte sich erst wohl, wenn er eine tintenfrische Partitur auf dem Pult liegen hatte. Bartók, Strawinsky, Berg, Varèse, Hartmann, Nono, Dallapiccola, Stockhausen, Xenakis und all die anderen fanden in ihm einen Getreuen, dem kein Opfer zu groß, kein Stil zu kompliziert und keine Nacht zu kurz war. Die Statistik seiner Uraufführungen füllt ein Buch.

Daneben interessierte sich Scherchen brennend für alles Philosophische, er wirkte als Pädagoge, Schriftsteller, Rundfunkmann (Radio Beromünster), Akustiker und Verleger. Sein Tessiner Bauernhaus in Gravesano baute er zum elektronischen Experimentallabor aus - und zur Verlagsanstalt der Gravesaner Blätter. Alles machte Scherchen allein oder mit nur wenigen Mitarbeitern. Die Macht des Manuellen empfand er als Befreiung. Übrigens dirigierte Scherchen stets ohne Taktstock.

Sein Lehrbuch des Dirigierens gibt Aufschluss über die Notwendigkeit zweier freier Hände. So konnte Scherchen simultan modellieren, Phrasen formen, Abläufe lenken und noch die kleinen Finger als Kontrollorgan einsetzen.

Bisweilen brauchte er wohl auch zwei Fäuste für die Kandare. Vielleicht im Finale von Beethovens 8. Symphonie F-Dur (MCD 80077), das Scherchen dermaßen rigoros den originalen Metronomangaben unterwirft, dass sich die Musik aus der Gemütlichkeit eines angeblich harmlosen Nebenwerks zu ihrer eigenen Grandiosität befreit. Erstaunlicherweise gerät dieses Allegro vivace nie ins Keuchen, geschweige denn ins Hetzen, sondern ersteht als Hymnus auf den Schwung. In seiner schonungslos textnahen Deutlichkeit nahm Scherchen naturgemäß vieles von dem vorweg, was heutzutage - im Reflex auf die historische Aufführungspraxis - keinerlei Diskussion mehr auslöst.

Dass der bekennende, zu Lebzeiten oft angefeindete Sozialist eine zu Herzen gehende Wiener Einspielung der Matthäus-Passion (UMD, 3 CD, 80470) 1953 zuwege brachte, mag erstaunen. Hört man sie, versinken alle Klischees von musikalischer Sachlichkeit, Romantisierung, Gläubigkeit oder Puristerei in der Lächerlichkeit eines bloßen Paradigmenstreits. Scherchen, der Materialist, rafft alle Gegensätze, um sie in dialektischer Unruhe zu versöhnen

er befragt den Text tiefsinnig, kommt bisweilen zu geradezu verstörend modernen Lösungen. Die Choräle sind individuelle Menschenklage.

Die Turbaechöre geifern. Die Arien ertasten Bekenntnishaftes. Gewiss ist die Qualität der Solisten durchwachsen, doch hat Scherchen ihnen einen bestechend deklamatorischen Gestus anerzogen, der eher nach Brecht als nach Thomaskantorei klingt.

Adorno sprach einst von der "koloristischen Dimension" Bachs - in Scherchens Interpretation der Kunst der Fuge (MCD 80352) meint man sie zu spüren. Er nutzt die Vielfalt des sinfonischen Instrumentariums, um musikalischen Bögen und groß angelegten Strukturen zur Kenntlichkeit zu verhelfen. Mitunter lächelt man über eine fast penetrant verfochtene Kontrapunktik, über gemeißelte Themenköpfe und fast zickige Artikulation. Musizieren als Säurebad. Doch ist die Sturheit im Detail bei Scherchen, paradox genug, nur Mittel zum großartigen Zweck. Indem er das Spiel züchtigt und konzentriert, gibt er ihm Weite. Indem er polyphone Linien obsessiv verfolgt, gewinnen sie an räumlicher Dramatik.

Für einen eigensinnigen (und politischen) Störenfried wie Scherchen war 1933 selbstverständlich kein Platz mehr in Deutschland. Das lähmte ihn keine Sekunde. Empört umkreiste er die Heimat als Gastdirigent. Als GMD Oswald Kabasta in Wien alle jüdischen Orchestermusiker auf die Straße setzte, gründete Scherchen mit ihnen sein neues Musica-Viva-Orchester. Zu jener Zeit setzte er in einem einzigen Wiener Winter unerschrocken alle Sinfonien Gustav Mahlers aufs Programm - als flammenden Gruß der Heimatlosen. Drei Mahler-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren mit dem Orchester der Wiener Staatsoper bezeugen Scherchens seherische Kompetenz für ein gebrochenes, niemals gusseisernes Mahler-Bild. Es ist im Kopfsatz der Fünften (MCD 80081) voller Grimm und bestürzender Gewalt oder weiß den doppelbödigen Jubel im Finale der Siebten (MCD 80082) mit vehementer Differenzierung einzufangen.

Und kaum eine Aufnahme hat seitdem den wild-verschwörerischen Charakter der Zweiten (MCD 80053) besessener herausgearbeitet. Wie Scherchen die Auferstehung wirklich aussingen lässt, als Choral des visionären Menschentraums - es ist eine Sternstunde der Mahler-Interpretation.

Scherchen stellte an sich ebenso hohe Anforderungen wie an seine Musiker

das rettete ihm jenen lebenswichtigen Rest von Sympathie, ohne den er nirgendwo die Einladung eines Orchesters bekommen hätte. Und so saß er nächtelang beispielsweise über allen zwölf Concerti grossi (MCD 80078, 80123, 80131) Händels, die er euphorisch zum Gegenpol existenzieller Lebensaufgabe machte und denen er sich hier mit großzügiger, gleichwohl straffer Herzlichkeit nähert.

Abermals spürt man Scherchens Predigt, ein Dirigent müsse jedes Werk der Orchesterliteratur auch alleine singen können. Erstaunlich, wie er Händel vom Verdacht barocker Strickware freihält, wie er eine Bassstimme kantabel ans Licht holt und zärtlich verfolgt - und dennoch bei aller Expressivität immer auch an den Atem des Strukturellen denkt.

Diesen Londoner Feinschliff hätte man phasenweise auch Scherchens Wiener Aufnahme der Brandenburgischen Konzerte von 1959 gegönnt (MCD 80075, 80121).

Sie fällt im Vergleich mit Händel und Geminiani etwas ab. Ob damals der lokale Impetus eines Nikolaus Harnoncourt bereits lähmend gewirkt hat?

Scherchens philharmonische Solisten im F-Dur-Konzert sind fraglos tüchtig, mehr nicht. So fein Scherchen das orchestrale Gefüge in Balance bringt, so treffsicher er verborgene Stimmen präpariert, als schreibe er einen Essay über ihre Existenz: hier gerät Bach ein bisschen ins Getriebe einer altersschwachen Nähmaschine.

Hingegen ist Scherchens Aufnahme von Mozarts Requiem (MCD 80083) ein Fall für die Ewigkeit. Die Menschenorgel zieht alle Register und wird doch nie maßlos.

Zum Niederknien das Solistenquartett: Sena Jurinac, Lucretia West, Hans Loeffler und Frederick Guthrie. Das Tuba Mirum hört man mit einem Kloß im Hals. Das Rex Tremendae zwingt einen nieder. Im Recordare wird man von Scherchen mit allem Trost, der Musik zu Eigen sein kann, wieder aufgerichtet.

Eiskalter Dirigent? Ein Gerücht.

Es bleibt zu hoffen, dass diese Scherchen-Kollektion, getreu dem ästhetischen Prinzip des Dirigenten, vom Charakter des Vorläufigen bestimmt bleibt. Es wäre sonst nicht zu begreifen, wenn möglicherweise die erregendste Beethoven-Aufnahme des 20. Jahrhunderts, Scherchens atemberaubende Einspielung der Eroica, weiterhin nur in den Regalen derjenigen existiert, die schon früh vom "originalen Leuchten" dieses Musikers umblitzt waren.

* Die Hermann-Scherchen-Edition auf 18 CDs (Universal Classics)