Was gibt es zu Beginn des neuen postindustriellen Informationsjahrhunderts am Ersten Mai noch zu feiern? Haben wir nicht, wenn wir an den Tag der Arbeit denken, in Wahrheit nur mehr einen armen Onkel aus einer bankrotten Stahlfabrik vor Augen, der etwas verlegen und unbeholfen seinen erfolgreichen Yuppie-Vetter besucht? Den reichen und entfernten Verwandten, der Lachs und Brokkoli isst, Fitness treibt, multikulturell und bisexuell ist und sich abwechselnd um die Umwelt und sein Investment-Portfolio sorgt? Gehört der arme Onkel nicht einer schon fast ausgestorbenen Spezies an? Ist der Erste Mai nicht das Monument einer "Zombie"-Kategorie von Arbeit geworden, wie es unlängst Ulrich Beck formuliert hat?

In Hollywoodfilmen sehen wir den Produktionsprozess in seiner ganzen Wucht nur, wenn der Actionheld in das geheime Reich des Superbösewichts eindringt und dort die Stätte mühseliger Arbeit erblickt (Drogen destillieren und verpacken, eine Rakete bauen, die New York zerstören soll). Wenn in einem James-Bond-Film der Superbösewicht den Geheimagenten 007 in seine Gewalt gebracht hat und in seiner illegalen Fabrik herumführt - kommt Hollywood dann nicht der stolzen sozialistisch-realistischen Präsentation der Fabrikarbeit am nächsten? Und Bonds Eingreifen hat natürlich den Sinn, die Produktionsstätte mit Getöse in die Luft zu jagen und uns damit zu gestatten, in unsere alltägliche Scheinexistenz zurückzukehren, das heißt in eine Welt, aus der die Arbeiterklasse verschwindet.

Sollten wir also den Ersten Mai im Namen all der unsichtbaren Millionen der Dritten Welt feiern, die in den Ausbeuterfabriken arbeiten und uns damit ermöglichen, die ätherische, postindustrielle Sphäre zu bewohnen? Aber es gibt noch eine ernstere Frage. Erinnern wir uns an Christa Wolfs Roman Der geteilte Himmel (1961), den DDR-Roman schlechthin. Es ist heute einfach, nicht nur auf die Illusionen, sondern auch auf den fundamentalen Irrtum Christa Wolfs zu verweisen, den sie mit der "demokratisch-sozialistischen Opposition" der DDR teilte. Während beide die Herrschaft der Kommunistischen Partei kritisierten, billigten sie doch die Grundprämisse des DDR-Regimes, die Bundesrepublik als Nachfolgestaat des Naziregimes anzusehen. Deshalb meinten sie die Existenz der DDR als antifaschistisches Bollwerk um jeden Preis sichern zu müssen. Deshalb stützten sie öffentlich das sozialistische System im Augenblick seiner effektiven Bedrohung - wie es Brecht anlässlich des Arbeiteraufstands 1953, Christa Wolf anlässlich der Demonstrationen 1998 tat.

In seinem Tagebuch erklärte Brecht, als er die russischen Panzer auf ihrem Weg zur Niederwerfung der Arbeiterdemonstrationen am Brandenburger Tor sah, sei er erstmals versucht gewesen, in die Partei einzutreten. Diese Haltung beruhte auf dem Glauben an die inhärente Reformfähigkeit des Systems; und damit diese wahre demokratische Reform geschehen könne, waren Zeit und Geduld vonnöten. Eine allzu schnelle Auflösung des Sozialismus werde Deutschland auf das kapitalistisch-faschistische Regime zurückwerfen und die Utopie eines anderen Deutschlands ersticken, für das die DDR trotz aller Schrecken und Fehlschläge eben stehe. Daher der tiefe Argwohn der Intellektuellen gegenüber dem eigentlichen "Volk": 1989 äußerte Heiner Müller offen sein Misstrauen gegenüber freien Wahlen, da freie Wahlen ja auch Hitler an die Macht gebracht hätten.

Doch geht es bei Christa Wolfs Vision von der DDR noch um etwas anderes, um etwas, das nicht einfach als Effekt der verzerrten ideologischen Perspektive abgetan werden kann: nämlich um die Vorstellung von Arbeit (materieller, industrieller Produktion) als einem privilegierten Ort der gemeinschaftlichen Solidarität. Die Teilnahme an der kollektiven Anstrengung der Produktion verschafft nicht nur Befriedigung an sich. Auch "private Probleme" (von Scheidung bis Krankheit) erhalten ihren angemessenen Ort, wenn sie im Arbeitskollektiv besprochen werden. Im Geteilten Himmel findet Rita nach einem Selbstmordversuch, den sie wegen der Flucht ihres Liebsten Manfred unternommen hat, durch die Unterstützung ihrer Fabrik-kolleg(inn)en wieder die Kraft, ihr Leben anzunehmen.

Diese Vorstellung darf weder mit der vormodernen Auffassung von Arbeit als ritualisierter gemeinschaftlicher Tätigkeit noch mit der nostalgischen Verklärung der alten industriellen Produktionsformen verwechselt werden (beispielsweise mit der romantischen Pseudoauthentizität der englischen Bergarbeiter in Richard Llewellyns Roman So grün war mein Tal) . Die Produktionsgruppe ist keine archaische Gemeinschaft, sondern ein Kollektiv aus modernen Individuen, die ihre Probleme rational diskutieren. Vielleicht liegen letztlich darin die Gründe der Ostalgie, in der Vorstellung, dass mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus trotz all seiner Schrecken und Fehlschläge etwas Kostbares verloren ging, ein einzigartiger utopischer Moment in unserer Geschichte: ein Moment, in dem die Teilnahme am kollektiven Prozess materieller Arbeit als der Ort wahrgenommen wurde, der ein authentisches Gefühl von Gemeinschaft und Solidarität erzeugen kann. Der Traum bestand nicht darin, körperliche Arbeit abzuschaffen, sondern in ihr Erfüllung als kollektive Erfahrung zu finden. Die alte biblische Bestimmung der Arbeit als Sühne für Adams Sündenfall wurde in sein Gegenteil verkehrt.

In George Lukacs' schmalem Bändchen über Alexander Solschenizyn, einer seiner letzten Arbeiten, findet sich eine enthusiastische Würdigung von Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, jenes kurzen Romans, der als Erster der sowjetischen Literatur den Alltag im Gulag schilderte (und dessen Veröffentlichung der Zustimmung Nikita Chruschtschows höchstselbst, des Generalsekretärs der Kommunistischen Partei, bedurfte). Lukacs bezieht sich insbesondere auf die Szene, in der Iwan Denissowitsch am Ende des langen Arbeitstags noch rasch ein Mauerstück, an dem er gearbeitet hatte, fertig stellen will; als er den Ruf des Wachmanns hört, auf den hin die Häftlinge antreten sollen, um ins Lager zurückzumarschieren, kann er der Versuchung nicht widerstehen, noch schnell die letzten beiden Backsteine einzufügen, obwohl er dadurch den Zorn des Wachmanns riskiert. Diesen Impuls, die Arbeit fertig zu stellen, sieht Lukacs als Zeichen dafür, wie selbst unter den brutalen Bedingungen des Gulag die spezifisch sozialistische Vorstellung von materieller Produktion als Ort kreativer Erfüllung Bestand hat; als Iwan Denissowitsch am Abend den vergangenen Tag Revue passieren lässt, stellt er zu seiner Befriedigung fest, dass er eine Mauer gebaut hat, und dies auch noch gern. Lukacs hat Recht mit seinem paradoxen Urteil, dass selbst Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch, selbst dieser prominente regimekritische Text, noch der strengsten Definition des sozialistischen Realismus entspricht.