Die Aktienmärkte schließlich spiegeln nicht nur die Einschätzung der internationalen Anleger über die individuellen Wachstumsaussichten der Unternehmen wider. Die Anleger erwägen auch die Rahmenbedingungen, innerhalb deren die Unternehmen arbeiten. Insofern schließen die Börsenbewertungen von Unternehmen immer auch indirekt eine Bewertung der jeweiligen nationalen Wirtschaftspolitik, der Qualität des Standorts ein.

Die negativen Folgen geschwächter Unternehmen für die Wohlfahrt eines Landes werden dank der Finanzmärkte heute schneller wahrgenommen als früher. Verminderte Innovations- und Investitionsfähigkeit reduzieren das Wachstumspotenzial einer Volkswirtschaft und damit die Aussicht auf die Schaffung von Arbeitsplätzen.

Finanzmärkte sind effiziente Sensoren für solche Fehlentwicklungen, doch sie erzwingen nicht eine bestimmte Politik: Keinem Land mit eigener Währung ist es verboten, eine expansive Geldpolitik zu betreiben, wenn dieses den Wünschen der Bevölkerung oder dem Willen der jeweiligen Regierung entspricht - selbst wenn dies mit hohen Inflationsraten einhergeht. Die Finanzmärkte prüfen nur ständig, ob die Politik in sich konsistent ist oder ob es nicht früher oder später zu einer Korrektur kommen muss. Insofern sollte man weniger von einer "Disziplinierungsfunktion" der Finanzmärkte als vielmehr von einer "Wächterfunktion" sprechen: Offene Finanzmärkte führen zu einem Rechtfertigungszwang hinsichtlich der Logik eines bestimmten wirtschaftspolitischen Kurses.

Wenn also eine weitgehende Interessenkongruenz zwischen Politik und Finanzmärkten besteht, warum dann die zum Teil heftige Kritik an der Globalisierung? Warum der Vorwurf, dass die "Ideologie des Marktes" zum herrschenden Paradigma geworden sei?

Die mangels ökonomischer Grundkenntnisse vielfach latent vorhandene Ablehnung marktwirtschaftlicher Mechanismen mag ein Grund dafür sein, dass die Globalisierung auf instinktive Ablehnung stößt. Dabei werden die mit offenen Märkten verbundenen Vorteile geschätzt, während die logischen Konsequenzen auf Unbehagen stoßen. Das bezieht sich unter anderem auf die mit offenen Märkten verbundenen Handlungsrestriktionen für die Politik, auf ihre Verteilungswirkungen, auf ihren Einfluss auf gesellschaftliche Werte und auf die Sorge um die Folgen von Marktversagen, von irrationalen Bewegungen auf den Finanzmärkten also.

Die autonomen Entscheidungen, die Hunderttausende von Anlegern auf den Finanzmärkten treffen, werden im Gegensatz zu Wahlentscheidungen nicht alle vier oder fünf Jahre, sondern täglich gefällt, was Regierungen ständig unter einen erheblichen Erklärungszwang setzt. Die Politik kann es sich daher nicht leisten, nur fallweise (kurz vor den Wahlen) an der Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu arbeiten. Insofern erzwingen offene Märkte im positiven Sinne einen Entscheidungsdruck hinsichtlich der Auswahl der wirtschaftspolitischen Ziele und Instrumente. Dass dieser Entscheidungsdruck für die Politik nicht immer willkommen ist, trägt sicherlich zum Unbehagen gegenüber offenen Kapitalmärkten bei.

Die Staaten müssen sich nach den Anlegerwünschen richten