Mit Frauen kennt sich Niko Sabic aus: "Das haben wir alles in der Schule gelernt", sagt er und grinst weltmännisch. Auf einem Kurs mit "Liebesthema" war er auch schon. Da ging es drum, "wie man das so macht mit den Mädchen". Er kichert und wird ein wenig verlegen: "Mit Betasten" sei der Kurs gewesen. Das wiederholt er ein paarmal, bis es sicher klingt: "mit Betasten".

Neben ihm steht Barbara Winterberg* und schaut ihn bewundernd an. Die beiden sind seit langem ein Paar. Vor vier Jahren haben sie sich verlobt. Seit fünf Jahren wohnen sie zusammen: in zwei nebeneinander liegenden Zimmern im Wohnheim der Lebenshilfe für geistig Behinderte in Putzbrunn bei München. An jeder der beiden Türen hängt ein rosafarbenes Herz aus Papier. Hinter ihrer Tür stehen Schreibtisch und Sofa, hinter seiner das Doppelbett.

Eltern, Betreuer, Ärzte und Therapeuten hätten weit mehr Probleme mit der Sexualität geistig behinderter Menschen als die Betroffenen selbst, sagt Joachim Walter. Der Rektor der Evangelischen Fachhochschule Freiburg setzt sich seit Jahrzehnten vehement dafür ein, dass geistig Behinderten ein eigenes Sexualleben zugestanden wird. Walter erhielt in Heimen Redeverbot, wurde von katholischen Ordensfrauen für seine Ansichten ausgebuht - und hat sich angewöhnt, die Sache von der anderen Seite aus zu betrachten: "Sexuelle Probleme geistig Behinderter sind keineswegs primär durch ihre Krankheit verursacht." Sondern durch Vorurteile in der Gesellschaft, durch Sorge der Eltern und durch die Bedingungen in den Behinderteneinrichtungen.

Beim letzten Punkt kann Joachim Walter einen Erfolg verbuchen. Gemischt belegte Heime - vor 20 Jahren noch die Ausnahme - sind heute üblich. Die meisten Einrichtungen akzeptieren, dass auch Behinderte ein Recht auf Sexualität haben. Für sie ist es prinzipiell kein Problem mehr, dass Paare wie Niko Sabic und Barbara Winterberg zusammenleben.

Selbst für geistig Behinderte, die sich Kinder wünschen oder bereits welche haben, gibt es Angebote: In Bethel, in Kiel, in Berlin etwa können sie als Familie in betreute Wohnungen ziehen. Nach einer Studie der Lebenshilfe gab es 1995 rund 1000 geistig behinderte Eltern in Deutschland mit 1400 Kindern. Viele von ihnen werden adoptiert, leben bei Pflegefamilien oder Großeltern. Rund 40 Prozent jedoch wachsen gemeinsam mit einem oder beiden Elternteilen auf. Sozialpädagogen unterstützen die behinderten Eltern und fördern deren Kinder nach ihren Fähigkeiten. Denn die sind selbst nicht unbedingt behindert. Vererbbar sind 30 bis 40 Prozent der geistigen Behinderungen. Sie sind genetisch bedingt. Und bei der Hälfte dieser Betroffenen sind nicht einzelne Gene defekt, sondern ganze Chromosomen - in diesen Fällen sind die Männer nur sehr eingeschränkt fruchtbar. Das heißt: Etwa 15 bis 20 Prozent aller Eltern mit geistigen Behinderungen können ebensolchen Nachwuchs zeugen.

Unabhängig von genetischen Erwägungen scheiden sich die Geister an der Frage, ob ein Kinderwunsch bei geistig behinderten Paaren zu unterstützen ist oder nicht. "Niemand darf geistig behinderten Menschen das Recht auf Elternschaft absprechen. Nicht von vornherein und nicht pauschal", sagt Ilse Achilles, Mutter eines behinderten Sohnes und Autorin eines Buches über Sexualität und geistige Behinderung mit dem Titel Was macht ihr Sohn denn da?. Andere Eltern haben größere Probleme mit der Sexualität ihrer Kinder. Als der Vater einer geistig behinderten Frau sich das Wohnheim in Putzbrunn ansah und das Grundsatzpapier Paarbeziehungen der Lebenshilfe München in die Hand gedrückt bekam, meinte er nur: "So schlimm wird es ja wohl nicht sein." In dem Papier wird auch erklärt, dass die Bewohner "im Bereich Liebe, Erotik und Sexualität" Hilfestellung erhalten sollen. Als die Mitarbeiter versicherten, der Passus sei ernst gemeint, wollte der Mann seine Tochter dann doch nicht in das frei gewordene Zimmer einziehen lassen.

Das Vorurteil vom triebhaften geistig Behinderten schürt die Angst