Adressenhandel ist ein undurchsichtiges Geschäft. Die digitalen Spuren, die wir täglich hinterlassen, wenn wir bei einem Versandhaus einkaufen, unsere Kreditkarte benutzen oder im Internet surfen, sind bares Geld wert, wenn sie entsprechend aufbereitet werden und vor allem mit einer Anschrift versehen sind, an die Firmen dann ihre bunten Prospekte schicken können. Je detaillierter und aussagekräftiger die Daten, umso teurer sind sie - Hersteller von Surfbrettern wollen möglichst wenig Porto für Mailings an Bewohner von Altersheimen verpulvern.

Der Normalbürger kann bislang auf zwei Arten mit dem Phänomen umgehen: Entweder er resigniert und füllt die Altpapiertonne, oder er versucht sich vor unerwünschter Post zu schützen - indem er einen Aufkleber "Keine Werbung!" an seinem Briefkasten anbringt oder sich in die so genannte Robinson-Liste des Deutschen Direktmarketing Verbandes eintragen lässt.

Ab jetzt hat er noch eine dritte Möglichkeit, jedenfalls dann, wenn ein neues Geschäftsmodell Erfolg hat, mit dem die Hamburger Firma Cocus in dieser Woche ins Netz geht. Cocus will den Verbraucher am Verkauf seiner Daten beteiligen. Nach dem Motto: Ich rücke die Angaben freiwillig heraus, aber nur gegen Bares.

Konkret funktioniert der Handel so: Die Kunden registrieren sich auf der Website namens Ifay.com (fay heißt auf Englisch "Fee") und geben dort mehr oder weniger detailliert Auskunft über ihre Hobbys, ihre Interessen, ihr Einkommen. Ein Data-Mining-Programm erzeugt aus diesem Datenhaufen so genannte Cluster: etwa ein Paket von 100 Adressen von männlichen, gut verdienenden Konsumenten, die in ihrer Freizeit Tennis spielen. Solche Cluster werden auf "i-days" genannten Online-Veranstaltungen meistbietend zum Verkauf angeboten. Wenn dann etwa ein Sportartikelvertreiber die Liste für zehn Mark pro Adresse ersteigert, bekommt jeder der Tennisfans vier Mark - 40 Prozent vom Umsatz.

"Wir gehen davon aus, dass ein Konsument, der unseren Fragebogen vollständig ausgefüllt hat, mehrere hundert Mark monatlich mit seinen Profildaten erlösen kann", sagt die 31-jährige Cocus-Chefin Martina Pickhardt, die zusammen mit dem Finanzexperten Gerhard Schneider, 33, die Idee zu der Firmengründung hatte. Eine optimistische Schätzung, denn für das Geschäft gibt es keinen Präzedenzfall. Zwar werden Verbraucher des Öfteren mit Gewinnspielen dazu verführt, ihre intimen Daten preiszugeben - einen derart nüchternen Handel Daten gegen Geld hat es bisher jedoch nicht gegeben. Sicher ist, dass die Cocus-Adressen ein hochwertiges Gut sein werden, weil sie auf freiwilligen Angaben beruhen. Offensichtlichen Lügnern und Aufschneidern will die Firma mit nicht näher bezeichneten automatisierten "Validierungsverfahren" auf die Schliche kommen - etwa durch den Abgleich mit anderen Adressendatenbanken.

Der Kunde soll aber nicht nur Geld verdienen mit seinem Profil, er soll auch als Internet-Shopper davon profitieren. Als Nächstes plant Cocus nämlich die Einführung eines so genannten "virtuellen Schlüssels", den der Verbraucher im Netz einsetzen kann. Das funktioniert so: Kommt er auf die Seite eines teilnehmenden Internet-Warenhauses und setzt diesen Schlüssel ein, dann erhält der Händler von Cocus ein anonymisiertes Profil des Surfers und kann ihm daraufhin speziell zugeschnittene Angebote präsentieren. Der Händler zahlt dafür eine Gebühr - und der Kunde kassiert wiederum 40 Prozent.

Pickhardt preist vor allem die völlige Transparenz des Systems an: Alle Angaben werden vom Kunden bewusst gemacht. Sein Verhalten wird nicht unsichtbar überwacht - etwa durch die berüchtigten Cookies, die viele Websites auf der Festplatte ihrer Nutzer hinterlassen -, und es fließen auch keine Daten über sein Kaufverhalten ins Profil ein. Deshalb sind auch Datenschützer, die sonst sehr kritisch auf die Branche schauen, durchaus angetan von dem Modell. "Ich finde das eine faire Sache", sagt Martina Peter, die für den Hamburger Datenschutzbeauftragten die Adressenhändlerbranche beobachtet. Auch ihr Kollege Peter Schaar, zuständig für die Online-Dienste, hat wenig Bedenken: "Wenn das mit offenem Visier geschieht, dann sind wir nicht die Bevormunder." Alles, worauf sich der Bürger freiwillig einlasse, sei so lange unbedenklich, wie es nicht gegen die Menschenwürde verstoße.