Sie werden von Sozialforschern und Journalisten ausgefragt und von Verwandten und Freunden mit spitzen Bemerkungen traktiert: Warum gerade dieses Studium? Musste das sein? Gibt es da ein Problem mit Männern? Ihren Exotenstatus sind sie leid, ebenso den Rechtfertigungszwang und die ständigen Beteuerungen, eigentlich ganz normal zu sein.

Es nützt alles nichts: Sie bleiben etwas Besonderes, denn sie waren im Herbst 1997 die Ersten, die sich für das Fach Wirtschaftsingenieurwesen an der Fachhochschule Wilhelmshaven eingeschrieben haben, den ersten kompletten Studiengang in Deutschland nur für Frauen. "Es war die Neugier auf etwas anderes, etwas Neues", sagt Eva-Maria Barth. Ihre Kommilitonin Anneke Grüssieg ergänzt: "Die Hemmschwelle, ein technisches Fach zu studieren, ist bei einem reinen Frauenstudium niedriger."

Frauenbeauftragte, Personalchefs und Verbandsvertreter reagierten auf das Wilhelmshavener Projekt gleichermaßen mit Vorurteilen wie mit Huldigungen. Da war von einem "Puddingstudium" die Rede, von einem Schonraum für das schwache Geschlecht, da die Studentinnen nicht lernen würden, sich durchzusetzen. Die Verfechter indes schwärmten von weiblichen Schlüsselqualifikationen wie Team- und Kommunikationsfähigkeit, die in technischen Berufen dringend gebraucht würden. Aufgrund dieser Qualifikationen seien Frauen wie geschaffen für den Aufstieg ins mittlere und höhere Management.

So weit die Sonntagsreden. Die Realität sieht anders aus. Nach einer Studie des Vereins Deutscher Ingenieure sind Ingenieurinnen häufiger arbeitslos als ihre männlichen Kollegen. Sie haben oft einen Job unter ihrem Qualifikationsniveau und ein niedrigeres Einkommen. Auch sind auf Seiten der Arbeitgeber die Vorurteile gegenüber einem Frauenstudiengang - von wegen Schonraum - längst nicht ausgeräumt. Das merkten die Wilhelmshavener Studentinnen schon bei ihrer Suche nach einem Praktikumsplatz. Sie zogen ihre Konsequenzen. Eva-Maria Barth: "In die Bewerbung schreibe ich nicht mehr rein, dass ich nur unter Frauen studiert habe."

Dabei seien die Ansprüche an die Studentinnen dieselben wie an die Studenten, sagt Dekan Timmerberg. "Genauso wie die Inhalte der Vorlesungen und Klausuren." Einen kleinen Unterschied gibt es aber: Die Frauen seien fleißiger und insgesamt auch um 0,2 Notenpunkte besser.

Eine ganz und gar männerfreie Zone sind die Vorlesungen der angehenden Wirtschaftsingenieurinnen im Hauptstudium jetzt nicht mehr. In ihren Schwerpunktfächern besuchen die Studentinnen gemischte Veranstaltungen - damit es nicht mehr heißt, sie hätten es leichter.

Am Ziel, Frauen zu fördern, will die Hochschule aber auch nach Ablauf des Modellstudiengangs in einem Jahr festhalten. "Wir überlegen, ob wir dann vielleicht andere Formen der Frauenförderung ausprobieren", sagt Timmerberg. Vorstellbar wäre, die Geschlechtertrennung auf das Grundstudium oder auf bestimmte Kurse wie Elektrik, Technische Mechanik oder Fertigung zu beschränken. Gebiete, auf denen Frauen den Männern gegenüber häufig im Rückstand sind.