Wo es hier zum Bryn Mawr geht? "Irgendwo dort", sagt der dunkelhaarige Jugendliche und wedelt vage mit seiner Cola-Dose. "Ich gehe da nie hin", fügt er an. "Ist 'ne Mädchenschule."

Die Studentinnen am Bryn Mawr würden die Bezeichnung Frauen-College vorziehen. Helle Stimmen und lange Haare dominieren die kleine, exklusive Hochschule nahe Philadelphia. Studentinnen mit ernster Miene eilen an diesem Vormittag - Bücher unter dem Arm - aus Vorlesungssälen, Athletinnen feuern sich auf dem Sportplatz an, und schwatzende Frauen belegen in Grüppchen den gepflegten Rasen zwischen den klassizistisch anmutenden Steinbauten, die ihren Campus säumen. Gut 1700 Frauen studieren hier, auch der Dekan ist weiblich, ebenso der Präsident und die Hälfte der Lehrer.

Anders als in Deutschland, wo es bisher nur wenige derartige Angebote gibt, ist Bryn Mawr in Amerika nichts Außergewöhnliches. Insgesamt 77 Women's Colleges gibt es hier, an denen rund 120 000 Frauen studieren. (Amerikaner verbringen gewöhnlich die ersten vier Jahre ihrer Universitätsausbildung auf einem College, bevor sie in eine Graduate School wechseln). Diese Frauen-Colleges werden von Anwärterinnen geradezu überrannt. Am 1885 von Quäkern gegründeten Bryn Mawr etwa bewerben sich fünf Studentinnen auf jeden Platz, am Wellesley College bei Boston sind es etwa vier, und am Mount Holyoke College in Massachusetts stieg die Zahl der Bewerbungen in fünf Jahren um 30 Prozent.

Der Boom lässt sich zumindest teilweise auf eine Frau zurückführen: Hillary Clinton. Die First Lady zog die Aufmerksamkeit der Medien auf Frauenuniversitäten, studierte sie doch am angesehenen Wellesley College, Mitglied der "seven sisters", der sieben traditionsreichsten Frauenuniversitäten der USA, zu denen auch Bryn Mawr gehört. "Es gab so etwas wie einen Hillary-Bonus", sagt Jadwiga Sebrechts von der Women's College Coalition (WCC).

Die Präsidentengattin und Senatskandidatin ist aber nicht die einzige erfolgreiche Absolventin. Rund ein Drittel aller Topmanagerinnen im Land studierte laut WCC nur unter Frauen, ebenso ein Fünftel der weiblichen Kongressabgeordneten, eine Hand voll bekannter Journalistinnen und US-Außenministerin Madeleine Albright. Und das, obwohl nur zwei Prozent aller US-Studentinnen Frauen-Colleges besuchen.

Women's Colleges wurden im 19. Jahrhundert gegründet, als Frauen an Universitäten noch nicht akzeptiert wurden. Doch dann begannen in den sechziger Jahren auch Elitehochschulen wie Yale oder Princeton Studentinnen aufzunehmen. Frauenuniversitäten schienen ihren Sinn zu verlieren. Mehr als die Hälfte der einst 300 Einrichtungen begann, Männer zu rekrutieren. Andere schlossen. Die überlebenden Frauen-Colleges aber halten hartnäckig an ihrer Daseinsberechtigung fest. Schließlich seien Frauen noch immer in Positionen mit Prestige, Einfluss oder Macht stark unterrepräsentiert, erklärt Jadwiga Sebrechts von der WCC. "Und solange das so ist, gibt es einen Platz für Frauen-Colleges", stimmt Eva Paus zu, Wirtschaftsprofessorin am 163 Jahre alten Mount Holyoke, der ältesten Frauenuniversität der USA.

Viele Studentinnen sind überzeugt, sich unter ihresgleichen besser entwickeln zu können. Meera Ratsenar etwa fühlte sich in der Highschool akademisch unsicher. In Mathematik fiel sie durch. "Die Jungs waren besser, deshalb konzentrierten sich die Lehrer nur auf sie", sagt die zierliche Kalifornierin. Heute ist Meera Ratsenar selbstbewusste Präsidentin der Bryn-Mawr-Studentinnenvertretung. Sie hat ausgerechnet ihr einstiges Angstfach Mathematik zum Hauptfach gemacht.