Schwungvoll öffnete der Hausmeister des Unicampus in Neu-Delhi die Zimmertür: "Dies ist mein bestes Appartement." Andreas Schürer prallte zurück. Der Fußboden war voller Taubendreck, vom Ventilator wirbelten Vogelfedern herab, und durch die scheibenlosen Fensterrahmen flogen die Vögel. "Im ersten Moment wollte ich wieder nach Hause fahren", gesteht der 27-jährige Wirtschaftswissenschaftler rückblickend. Andreas Schürer war als Austauschstudent des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) nach Indien gekommen - in das Land der Computerexperten also, derentwegen sich Deutschland gerade streitet.

Entgegen seinem ersten Impuls reiste der Darmstädter nicht ab. Er biss die Zähne zusammen, putzte, setzte die Schreibtischplatte in den Fensterrahmen und beließ sein Zimmer fortan im Halbdunkel. Und schrieb am Institute of Technology in Neu-Delhi seine Diplomarbeit. "Nach einer Weile habe ich mich in Indien sehr wohl gefühlt", erinnert er sich. "Meine fünf Monate dort waren ein echtes Abenteuer und der Höhepunkt meiner Unizeit. Ich kann diesen Schritt nur empfehlen."

Die bescheidenen Lebensumstände aber lassen nicht auf die Lehrinhalte schließen. "Die akademische Ausbildung an den Institutes of Technology und den Institutes of Management, kurz IIT und IIM, ist hervorragend. Sie hält mit der amerikanischer Hochschulen durchaus mit, auch wenn die Schulen vielleicht nicht so geleckt aussehen", sagt Michael Frenkel, Professor an der Wissenschaftlichen Hochschule für Unternehmensführung (WHU) in Koblenz. Die private Universität schickt seit kurzem Studenten für ein Auslandssemester auf die Management-Hochschulen nach Bangalore, Kalkutta oder Ahmedabad.

Mit den fünf Institutes of Technology in Delhi, Kanpur, Kharagpur, Madras und Bombay tauschen deutsche Technische Hochschulen schon seit längerem Studenten aus. Vier der fünf indischen Direktoren sind ehemalige Stipendiaten der Alexander von Humboldt-Stiftung. Besonders rege sind die Kontakte nach Madras, wo das IIT mit deutscher Hilfe errichtet wurde.

Ihren Ruf als Kaderschmieden verdanken die indischen Hochschulen den anspruchsvollen Aufnahmeverfahren, die "deutsche Studenten nie bestehen würden", so Hannelore Bossmann von der Außenstelle des DAAD in Neu-Delhi. Überrascht sind viele Austauschstudenten auch von den fachlichen Anforderungen und Stoffmengen, die das Maß an einer deutschen Universität bei weitem übersteigen. "Die Vormittage sind mit der dreifachen Menge an Vorlesungen voll gestopft, die Nachmittage dienen dem Abarbeiten umfangreicher Leselisten", beschreibt Christoph Gabler, 24, Ethnologiestudent aus Tübingen, seinen Alltag an der renommierten Delhi School of Economics der Universität Delhi.

Die deutschen Studenten staunen über den Lernstress

"Das indische System ist viel verschulter und basiert auf Wissensvermittlung", bestätigt Hannelore Bossmann. "Deutsche Studenten können besser eigene Gedanken entwickeln und selbstständig arbeiten, wissen aber sehr oft zu wenig." Viele empfinden daher ihre Zeit in Indien als echte fachliche Herausforderung.