Der Ermordete versöhnt sich doch auch nicht mit seinem Mörder. Das ist keine Frage des Wollens. Es geht einfach nicht. Wie das aus ihm spricht. Die See will ihr Opfer, eines genügt, das hat sie bekommen, jetzt ruht sie. Metaphern, die Wolfgang Schäuble wählt. Ausgerechnet der Mann, der ihn am häufigsten über Jahre hinweg seinen "Freund" nannte, ist aus seiner Sicht eindeutig dafür verantwortlich.

Ein Shakespeare-Stück mit viel Blut könnte daraus werden. Tatort: Berlin, Unter den Linden. Was zu sagen ist, diktiert Schäuble in den Kassettenrecorder. Das Buch, das im Herbst erscheinen soll, ein Buch über seine sechzehn wahnsinnig kurzen, wahnsinnig langen Monate an der Spitze, ohne Kohl und mit Kohl.

"In der Politik kann jeder jeden Freund nennen." Gesonnt allerdings hat er sich schon in diesem Verhältnis zum großen Mann, gesteht Schäuble. Bei den Koalitionsverhandlungen im September 1982 haben Kohl und er sich näher kennen gelernt. Er war der Junior, der CDU-Chef der Senior.

Eine "politisch enge Beziehung mit menschlichen Perspektiven" war das, diplomatisch formuliert. Aber ein Freund? Hans Peter Repnik, das ist einer! Seinen Parlamentarischen Geschäftsführer, diesen Getreuen, hat er schon im RCDS in Freiburg kennen gelernt. "Solche Freundschaften entstehen auch nicht in der Politik", sinniert Schäuble.

Ganz langsam wächst das meistens, wenn es halten soll. Und dann: Konkurrenzfrei muss die Beziehung möglichst auch bleiben, sonst überlebt sie kaum. Wirkliche Gefühle zeigt man nicht gern öffentlich in einer Welt, in der "Stärke" demonstriert werden soll. Wer Gefühle zeigt, macht sich verletzbar.Tränen sind selten, so wie die, die Egon Bahr vergoss, als Willy Brandt als Kanzler zurücktrat. Um Freunde weint, wer nicht "auf Befehl weinen kann", wie Schäubles Bruder Helmut Kohl, dem Verachteten, nachrief. Lügentränen! Politiker haben als Metapher ihrer Freundschaft die Waldspaziergänge erfunden. Kohl und Strauß, Brandt und Breschnew, zwischen Tannen und Buchen, Vertrauen pur, über allen Wipfeln ist Ruh.

Fast denkt man, Gefühle herauszuhören, wenn Kurt Biedenkopf und Meinhard Miegel übereinander sprechen. Etwas verblüffend Komplementäres ist aus ihrer nüchternen Arbeitsbeziehung geworden. Da der junge, früh prominente Rektor der Uni Bochum, Kurt Biedenkopf, der in den Vorstand von Henkel kommt, dort Meinhard Miegel, das Talent in der Rechtsabteilung des Konzerns - das ist auch einer dieser seltenen Fälle von langsam gewachsener, intellektueller und politischer Seelenverwandtschaft, in die Wärme kommt.

Miegel, längst selbst Professor mit Namen: Irgendwann musste er sich entscheiden, ob er ungestört arbeiten oder sich politischen Auflagen fügen wollte. Autonomie stufte er höher ein. Biedenkopf hingegen war bereit, sich auf das Experiment Politik als Beruf einzulassen. Miegel, der Leiter ihres gemeinsamen Instituts, bildete sozusagen die permanente Rückversicherung. Der zehn Jahre Ältere, Biedenkopf, ist eher der Fragende, während Miegel die "Sachverhalte", die beide so innig lieben, strukturiert.